Affirmative Kritik: Wie Tech-CEOs Ethik als Verkaufsmasche nutzen
Seit der „KI“-Boom im vollen Gange ist, veröffentlichen alle paar Monate leitende Angestellte und die Geschäftsführer der großen „KI“-Labs wie OpenAI oder Anthropic Manifeste über die existenziellen Gefahren von „KI“, oft flankiert von einigen Wissenschaftler:innen und befreundeten NGO-Vertreter:innen. Es geht um die Notwendigkeit einer Pause in der Entwicklung solcher Systeme oder darum, dass neue Regulierung und soziale Praktiken zum Umgang mit solchen Systemen notwendig seien.
Von Jürgen Geuter/tante | 12.08.2026

Am 13. Juli 2026 war das einmal mehr der Fall: In We must act now („Wir müssen jetzt handeln“) rief eine Liste illustrer Tech-Persönlichkeiten und Wissenschaftler:innen zum Handeln auf und wurde damit breit in den Medien rezipiert und geshared.
Dabei ist diese Art der „Kritik“ am eigenen Handeln eine auf den ersten Blick sehr widersprüchliche Kommunikation: Wenn OpenAI und Anthropic „KI“-Systeme als potenziell so gefährlich für die ökonomischen und sozialen Verhältnisse oder gar das Überleben der Menschheit wahrnehmen, warum bauen sie dann weiter an diesen Systemen? Wie glaubwürdig sind diese Warnungen, Selbstreflexion und -kritik, wenn sie keinerlei Verhaltensänderungen mit sich bringen?
Criti-Hype und eigene Regeln
Der Wissenschaftsforscher Lee Vinsel prägte 2021 den Begriff „Criti-Hype“ für eine Form von Kritik, die sich aus den Argumentationen und Konzepten eines Hypes speist, diesen aber zugleich befeuert. Criti-hype übernimmt die PR-Aussagen einer gehypten Technologie, sagt, „Das stimmt alles“ und fügt hinzu: „Und das ist eine Gefahr“. Dabei ist die subtile – manchmal gar nicht intendierte – Auswirkung von Criti-Hype nicht die Kritik, sondern das „Es stimmt alles“, also die Affirmation der PR-Aussagen.
Eben das sehen wir in den diversen Verlautbarungen der „KI“-CEOs über die Gefahren von „KI“: Es geht darum, die Besonderheit, Macht und Leistungsfähigkeit dieser stochastischen Text-Generatoren zu unterstreichen. Wenn Sam Altman oder Dario Amodei vor den Gefahren einer „AGI“, also einer Artificial General Intelligence, d.h. einem „KI“-System warnen, welches allgemein leistungsfähiger sei, als menschliche Intelligenz, dann geht es ihnen nicht um die Warnung, sondern um die Behauptung, dass die aktuell vorliegenden Text-Vervollständigungsmaschinen in irgendeiner Beziehung zu einem solchen – rein fiktiven und in keiner Form vorhandenen – System stehen.
Doch es geht bei solchen Ethik-Gedankenspielen von Tech-CEOs nicht nur darum, die Leistungsfähigkeiten der eigenen Produkte durch eine Form kritischer Fan-Fiction aufzuwerten, es geht auch um die Abwehr echter Regulierung. So wird seit einigen Jahren jede gehypte technologische Innovation von ihren Proponent:innen und Unterstützer:innen mit einer Forderung nach Regulierung gerahmt. Aber keiner Regulierung, die sich beispielsweise an bestehenden rechtlichen, technischen oder sozialen Normen orientiert. Nein: Die neue technologische Innovation ist vermeintlich so besonders, so speziell, dass sie ganz eigene Gesetze erfordert. Regeln, die auf den in der Technologie angelegten bzw. von den Entwickler:innen der Technologie präferierten ideologischen Fundamenten fußen. Regulierung, die nur noch von den Technologieentwickelnden selbst geschrieben werden kann, weil angeblich nur sie die Technik verstehen. Die Forderung nach (neuer) Regulierung ist somit vor allem eine Forderung danach, sich nicht an bestehende Regulierung halten zu müssen. Innovation für den Tech-Sektor ist nämlich wie eine Seifenblase: Sie platzt, wenn keine perfekten Bedingungen für sie geschaffen werden – und nicht, wie man das eigentlich als Ingenieur:in fassen würde, dass die Entwicklung von Neuem in einem Raum erfolgt, der über den vorhandenen Anforderungen und Rahmenbedingungen aufgespannt wird.
Den „KI“-CEOs und Vordenkern (männliche Form bewusst gewählt) geht es darum, die datenhungrigen extraktivistischen Praktiken, auf denen moderne „KI“ Systeme basieren, durch neue Regulierung zu legitimieren. Der umfassende Bruch von Urheberrecht bzw. der Aneignung von kreativer, menschlicher Arbeit gegen den expliziten Willen und ohne Einwilligung der Schöpfer:innen ist nur ein Beispiel solcher extraktiver Praktiken. Da ist es besonders nützlich, den Fokus auf sehr große, dramatische Probleme zu lenken. Ob diese nun in irgendeiner Form realistisch sind, oder nicht, spielt nur eine nachgeordnete Rolle.
Science-Fiction statt realer Probleme
Zurück zum „Das ist alles richtig“, auf welchem Ethik-Statements aufsetzen. Der „AI Safety“ Sektor, d.h. die Personen, die sich damit beschäftigen, wie man „KI“-Systeme absichern kann, in dem insbesondere Anthropic und OpenAI sehr aktiv sind, ist durchsetzt von Menschen, die sich lieber mit Science Fiction als realen Problemen beschäftigen: So wird hochdramatisch vor „KI“-Systemen gewarnt, die die Kontrolle über Atomwaffen erlangen oder eigene Biokampfstoffe entwickeln könnten (wohlweislich immer im Konjunktiv), um von den existierenden materiellen Schäden abzulenken, die diese Systeme jetzt und heute nachweislich erzeugen. Die große „ethische“ Frage, ob ein LLM traurig sein kann, soll uns davon ablenken zu fragen, ob wir damit einverstanden sind, dass im Training der LLMs viele Menschen z.B. in Kenia massive psychische Traumata erleiden. Die Frage, was wir tun können, damit „KI“ nicht wie im Film Terminator die Macht übernimmt, soll davon ablenken, dass Elon Musk seine großen Rechenzentren, z.B. das in Memphis, mit nicht zugelassenen Methangasgeneratoren betreibt, die die Atemluft ganzer Stadtteile vergiften. „AI Safety“ und der diese Richtung maßgeblich prägende Diskurs über „ethische Fragen“ sind für den öffentlichen Diskurs somit wie die geschüttelten Schlüssel, mit denen man ein Baby ablenkt: Es geht eigentlich gar nicht darum, aber alles sieht sehr beeindruckend aus.
Die „KI“-CEOs haben gemerkt, dass sie aus der Kombination von Angstmacherei und dem gleichzeitigen Andeuten ethischer Überlegungen sowohl die Fähigkeiten ihrer Produkte überhöhen und damit dem „KI“-Hype noch Vorschub leisten können als auch die potenziellen Bestrebungen, ihnen durch Gesetze und Regulierung Grenzen aufzuzeigen, einhegen und kontrollieren können. Und gleichzeitig können sie sich als reflektierte, besorgte Menschen inszenieren, denen das Wohl aller am Herzen liegt – während sie tatsächlich die ökologischen und ökonomischen Lebensgrundlagen vieler Menschen aus eigenem Profitinteresse beeinträchtigen oder sogar zerstören.
Wenn die „ethischen“ Aussagen der „KI“-CEOs irgendeinen Wert hätten, würden sie ihre Firmen auflösen. Denn wie Amnesty International vor einigen Monaten in einer Studie zeigte: Generative KI Systeme, die auf illegalem Web-Scraping sowie massiven Eingriffen in die Privatsphäre basieren, sind fundamental inkompatibel mit den internationalen Menschenrechten.1„Standalone generative AI systems, based on unlawful web scraping, depend on mass invasions of privacy by design, and are fundamentally incompatible with IHRL. As such, Amnesty International is calling for a prohibition of such systems.“
Echte Verantwortung
Es ist also ein Fehler, die ethischen Aussagen der „KI“-Firmen und ihrer Angestellten – gerade Anthropic leistet sich ja einen ganzen Haufen von Philosophen und sehr fantasiebegabten Menschen, die sich damit beschäftigen, wie man einem synthetischen Text-Extruder eine „Verfassung“ oder dergleichen geben kann – ernst zu nehmen. Der durch die „KI“-CEOs getriebene „Ethik“-Diskurs will nämlich eine echte Aushandlung solcher Fragen gerade verhindern. Verhindert werden soll auch, dass wir „KI“-Systeme als inhärent problematisch begreifen und kritisieren, dass wir uns fragen, warum es die Utopie dieser Menschen ist, dass wir alle eine uns bedingungslos unterworfene Intelligenz als Sklaven halten oder, dass wir uns fragen, ob in einer Zeit massiver ökonomischer Ungleichheit obszöne Mengen an Ressourcen in den Bau von Rechenzentren gesteckt werden sollten, die für den Betrieb von stochastischen Muster-Reproduktionsmaschinen benötigt werden, die den Menschen das Trinkwasser und den Strom wegnehmen, ohne dass auch nur einer der Anbieter willens wäre, für die Aktionen und die Qualität der von ihnen bereitgestellten Systemen echte Verantwortung zu übernehmen.
Die einzige Art, sich mit den ethischen Äußerungen der Tech-Eliten zum Thema „KI“ zu befassen, ist, sie darauf festzunageln, ihre toxischen Systeme abzuschalten. Denn das wäre die notwendige Konsequenz daraus, die Probleme ernst zu nehmen, über die irgendwelche „KI“-Bros so gerne philosophieren. ■
Zitiervorschlag
Geuter, Jürgen (2026): Affirmative Kritik: Wie Tech-CEOs Ethik als Verkaufsmasche nutzen. In: Verantwortungsblog. https://zevedi.de/affirmative-kritik-wie-tech-ceos-ethik-als-verkaufsmasche-nutzen/ [12.08.2026]. https://doi.org/10.60805/krss-bk41.
PDF dieses Blogbeitrags- 1„Standalone generative AI systems, based on unlawful web scraping, depend on mass invasions of privacy by design, and are fundamentally incompatible with IHRL. As such, Amnesty International is calling for a prohibition of such systems.“ ↩︎




