Mit lustigen Bildchen zum neuen Faschismus? Die Gegenwart des Mems und der memetischen Infektion
Die Bilder im Internet haben ihre Unschuld verloren, selbst die lustigen. Was hierzulande einst mit Witzen über eine Stadt in Ostwestfalen assoziiert war, die angeblich nicht existieren soll, ist zu einem wirkmächtigen Medium der Neuen Rechten mutiert, die darin eine Synthese aus alter und neuer Mem-Auffassung verbindet: Internet-Bild-Meme sind nur ein Typ von Memen und es gilt, memetische Kommunikation in der ganzen Breite zu besetzen, ja, die Gesellschaft mit ihnen zu „infizieren“.
Von Kai Denker | 21.11.2025

Jeder kennt Internet-Meme: man findet sie auf sozialen Medien, in WhatsApp-Gruppen oder sogar offline auf Laternenpfählen und an Bushaltestellen. So mancher hat sie vielleicht schon selbst erstellt oder verändert. Es sind lustige kleine Bildchen, manchmal auch Videos, die mal feinsinnig, mal mit derbem Humor alltägliche Dinge oder Situationen kommentieren. Manchmal sind diese Meme – man kann es nicht anders sagen – schlicht unverständlich oder abwegig, manchmal sind sie aber auch klar politisch. Und das sind sie allzu oft auf der extrem rechten Seite des Spektrums. Sie enthalten dann Verharmlosungen der Shoa, bösartige Kommentare auf Migration und Flüchtlinge, frauen- oder queerfeindliche Inhalte oder schlicht Codes, mit denen sich Aktivist:innen der extremen Rechten untereinander erkennen und Zugehörigkeiten zur Szene verhandeln.
Internet-Meme waren dabei nicht immer Bildchen und schon gar keine politischen: Eines der ersten Internet-Meme aus den 1990er Jahren hatte überhaupt keine feste Form, sondern verbreitete sich als immer wieder variierter running gag, der bis heute das Bielefelder Stadtmarketing beschäftigt: 1994 hatte der Informatiker Achim Held nach einer Party, auf der der Witz, die Stadt Bielefeld gäbe es gar nicht, aufkam, einen Beitrag in einem USENET-Forum geschrieben. Die seitdem in unzähligen Variationen durch unsere Alltagskultur geisternde Bielefeld-Verschwörung erfüllt dabei genau die Definition eines Mems, wie man es in den 1990er Jahren verstand: Eine Art Idee, die sich geradezu virusartig von Gehirn zu Gehirn ausbreitet, und zwar indem sie wiederholt wird. Das Medium dieser „Viren des Geistes“ ist die Nachahmung, also gerade keine exakte Wiederholung: Meme mutieren, so heißt es, und sie konkurrieren um ein knappes Gut, nämlich um unsere Aufmerksamkeit. Dass das Mem in den 1990er Jahren damit zu einem Internetphänomen wurde, erklärt sich aus einer Verlegenheit: Running gags gab es schon länger und auch andere Erscheinungsformen von Memen wie Sprüche, Moden, Parolen, Melodien brauchen für ihre Ausbreitung keine digitalen Datennetze. Aber, als das World-Wide-Web sich in den 1990er Jahren rasant als neuer Internet-Dienst ausbreitete und sich viele neue Nutzer:innen die damals „neuen Medien“ spielerisch aneigneten, suchte man nach einem Begriff für die unzähligen Nachahmungseffekte, die man auf Foren und den zusammengeschusterten privaten Homepages fand. Es bot sich ein Begriff an, der in den 1990er Jahren noch als Leitbegriff einer neuen Wissenschaft erschien: der Memetik.
Vom Gen zum Mem…
Die Memetik war ein heute weitgehend vergessener Versuch, eine eher randständige und spekulative Diskussion der Biologie aufzugreifen und zu einer interdisziplinären Leitdisziplin zu adeln. Kurz gesagt verlief die Entwicklung von der Biologie zum lustigen Bildchen auf WhatsApp so: In der Erbbiologie war mit dem Siegeszug der Darwin’schen Evolutionslehre entschieden, dass es zwar eine Vererbung von biologischen Eigenschaften gab, aber das erworbene Eigenschaften – anders als der Lamarckismus behauptet hatte – nicht dazu gehörten. Das beendete also nicht die Frage nach der Weitergabe erworbener Eigenschaften, für die aber dann ein eigener Begriff gefunden werden musste. Neben dem Gen wurde dies das Mem, dessen problemgeschichtliche Entwicklung wohl ihren Höhepunkt mit dem populärwissenschaftlichen Buch The Selfish Gene (1976) des britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins fand. Hatte Dawkins hier noch explizit von einer Spekulation gesprochen, wurde das Mem bald zu einem Phantasma in der englischsprachen Populärphilosophie und erlangte von dort aus den Ruf, Leitbegriff einer zukünftigen Wissenschaft zu sein – eine Wissenschaft, die sich allerdings nie etablieren konnte. Das verhinderte keinesfalls unzählige Spekulationen über Meme als Viren des Geistes, für die unsere Gehirne irgendwie die Wirtsorganismen sind, sondern – parallel zur Genmanipulation – stellte man sich eine manipulative Macht der Meme vor: Setzt man das Mem erfolgreich ein, impft oder infiziert man einen Geist mit einer fixen Idee, dann kann man sich darauf verlassen, dass der erfolgreich infizierte Geist (respektive dieses Gehirn – die Vorstellungen gingen hier stets wild durcheinander) sich nun selbst der viralen Ausbreitung verschreiben würde. Wollte man etwa eine neue politische, religiöse, wissenschaftliche oder allgemein kulturelle Idee verbreiten, musste sie als Mem auftreten. Wer hier an „virales Marketing“ denkt, liegt völlig richtig: Diese Entwicklungen liefen parallel. Dass hier die Vorstellung nicht weit ist, mittels Memen politische Inhalte zu verbreiten, liegt auf der Hand. Dazu gleich.
Unberührt von Spekulationen über Marketing- und Manipulationsmöglichkeiten entwickelten sich die Internet-Meme Anfang der 2000er Jahre zu den bekannten Bild-Memen, die auf den nach und nach aufkommenden sozialen Medien geteilt und gelikt werden konnten. Leicht verfügbare Grafikprogramme und soziale Medien als Massenphänomene ließen das Internet-Mem abermals mutieren und eine eigene Mem-Kultur entstehen: Dass wir uns heute unter Memen meist Internet-Bild-Meme vorstellen, liegt schlicht daran, dass mit Facebook & Co. es erstmals leicht wurde, derartige Bilder massenhaft zu verbreiten. Bild-Meme haben dann, ganz im Sinne memetischer Evolutionsvorstellungen, andere Mem-Typen im Internet verdrängt.
Damit ist die Formgeschichte des Mems keineswegs am Ende: Nicht nur gibt es unzählige Typen von Internet-Bild-Memen, die eine ganz eigene Bildsprache haben und schnell entlarven, ob jemand in die Mem-Kultur eingeweiht war oder nicht. Das Mem als „klassisches“ Mem, ohne Bild oder – dank TikTok & Co. zunehmend auch als Video – existiert weiter, etwa im Fall des 6-7-Mems, bei dem Gen Z und Gen Alpha auf das Auftreten der Zahlen 6 und 7 etwa mit lautem Jaulen und einer abwägenden Geste reagieren. Lehrer:innen und Eltern mögen sich fragen, was es damit auf sich hat und was es bedeuten soll, aber die Antwort lautet: Im Grunde nichts. Es hat keine Bedeutung. Das 6-7-Mem ist eine Ableitung aus einem Song des US-Amerikanischen Rappers Skrilla, hat sich aber von diesem Ursprung längst gelöst. Es geht nicht um den Song, es geht um die kollektive Nachahmung. Man mag sich mit Recht fragen, was der Quatsch soll, aber genau darum geht es: Die Haltung zu diesem „Quatsch“ funktioniert als Abgrenzungsspiel einer jugendlichen Mem-Kultur gegenüber Außenstehenden.
Vom Insider zum Mittel des Kulturkampfs
Es wäre gleichwohl ein Fehler, darin nur ein jugendliches Distinktionsbedürfnis zu sehen: Die Neue Rechte – eine Strömung innerhalb der extremen Rechten – hat den Erfolg der memetischen Netzkultur genau beobachtet und sie gedanklich mit der Strategie der Metapolitik zusammengebracht. Unter Metapolitik versteht die Neue Rechte in Anlehnung an den italienischen Marxisten Antonio Gramsci die Strategie, im vorpolitischen Raum eine kulturelle Hegemonie zu erobern. Es sollen Werte und Sagbarkeitsgrenzen verschoben werden, Ressentiments reaktiviert und eingeübt und überhaupt neue Assoziationen geschaffen werden, die per se noch gar nicht politisch sein mögen, aber im entscheidenden Moment reaktiviert werden. Die Reaktion auf die Zahlenfolge 6 und 7 mag harmlos sein, memetisch eingeübte Reaktionen auf Minderheiten oder andere Kulturen sind es eventuell nicht.
Genau hier wurde die Mem-Kultur für die Neue Rechte interessant: Wenn es gelänge, die eigenen Inhalte memetisch unters Volk zu bringen, würde der „Kampf um die Köpfe“ sich viral von selbst erledigen. Statt weltanschaulicher Schulungen in pseudointellektuellen Kaderschmieden, zu denen ohnehin nur die kämen, die bereits extrem rechte Einstellungen hätten, könnte man so im Denkmantel des Witzes und des Spiels in die un-, oder eher vorpolitische Netzkultur eindringen und dort unbemerkt eine Hegemonie erobern. Es scheint, dass der Neuen Rechten genau dies gelungen ist: In einer für memetische Kommunikation typischen Mischung aus gezielten Kampagnen und spontanen Nachahmungen haben sich in den letzten Jahren einige Internetplattformen „nach rechts“ bewegt – am sichtbarsten vielleicht auf X (ehemals: Twitter), wo der rechte Rand längst eine Art Diskurshoheit besitzt. Gelungen ist dies freilich nicht alleine mit lustigen Bildchen, sondern mit einer Mem-Vorstellung in der ganzen Breite und in allen möglichen Formen und Typen.
Mehr als nur lustige Bildchen
Während sich die „meme studies“ der Medien- und Kulturwissenschaften auf Bilder und Videos konzentriert und verengt haben, ist der Neuen Rechten eine Synthese aus alter und neuer Mem-Auffassung gelungen: Internet-Bild-Meme sind nur ein Typ von Memen und es gilt, memetische Kommunikation in der ganzen Breite zu besetzen, zumal diese jederzeit eine Immunisierung gegen Kritik ermöglicht. Das sei mit einem Beispiel veranschaulicht: Mitte 2024 kursierte ein Video im Netz, das junge Feiernde auf Sylt zeigt, die zum Song L’amour toujours von Gigi D’Agostino tanzten und einen veränderten Text mitsangen, der typische extrem rechte Parolen enthielt: „Deutschland den Deutschen“ und „Ausländer raus“. Dazu machten die Feiernden Gesten, die sich klar als extrem rechte Zeichen erkennen lassen. Es handelte sich dabei zwar nicht um den ersten Vorfall dieser Art, aber das „Sylt-Video“ wurde zum Skandal: Es wurde darüber breit berichtet und die Feiernden bekamen Konsequenzen zu spüren. Eine auf dem Video erkennbare junge Frau entschuldigte sich bald: Sie habe doch nur ein „meme“ mitgesungen, man sei betrunken gewesen und sie hätte doch Freunde aus allen möglichen Ländern. Dies mag alles stimmen, der Punkt ist aber: „Memetisch“ hat sich bei der Gruppe der Feiernden im richtigen Moment der Inhalt gezeigt, der sie zuvor auf irgendeinem Weg erreicht hatte. Und der wurde nachgeahmt, durch die Skandalisierung schnell öffentlich bekannt und diskutiert. Der Effekt war deutlich: In den Wochen und Monaten nach dem Vorfall auf Sylt wurden immer mehr Fälle dieser Art bekannt und an immer mehr Orten online wie offline wurden zu L’amour toujours extrem rechte Parolen gesungen. Bald konnte man das Lied nicht mehr hören, ohne selbst an die memetisch verankerte Parole zu denken. Hier zeigt sich ein Dilemma in der Forschung und der Berichterstattung zu extremistischen Memen: Durch den Bericht verbreitet man, um im Bilde zu bleiben, die memetische Infektion, wo man doch eigentlich aufklären und immunisieren wollte.
Für die extreme Rechte war der Sommer 2024 ein großer Erfolg, man variierte, wiederholte, aber vor allem feierte man sich dafür, dass sich ausländerfeindliche Parolen nun praktisch von selbst in der Öffentlichkeit memetisch verbreiten konnten. Die Mem-Kultur war hiermit unübersehbar zu einem Vehikel für ihre Inhalte geworden – und noch heute werden immer wieder Videos verbreitet, in deren Hintergrund der über 20 Jahre alte Song von Gigi D’Agostino erklingt, weiterhin mit dem Effekt, die Zuschauer:innen an ausländerfeindliche Parolen denken zu lassen. Ob es der Neuen Rechten damit letztlich gelingen wird, den vorpolitischen Raum vollends zu besetzen, ist glücklicherweise noch nicht entschieden. Aber zuzugestehen ist, dass die Strategie, die Mem-Kultur zu besetzen, funktioniert hat: Extrem rechte, verfassungsfeindliche Inhalte verbreiten sich in einem spielerischen, lustigen, partymäßigen Format im Netz, ohne dass es dazu geschlossen rechter Weltbilder bedürfte. Und zugleich lässt es sich abstreiten: Es ist doch nur ein lustiges Mem. Für die Existenzfrage der Stadt Bielefeld mag dies stimmen, für rassistische Parolen aber nicht. ■
Literatur
Denker, Kai & Nestler, Nick (Hg.): Digitale Bilderkämpfe. Zur politisch-strategischen Kommunikation mit Memen. Bielefeld: Transcript, 2025.
Zitiervorschlag
Denker, Kai (2025): Mit lustigen Bildchen zum neuen Faschismus? Die Gegenwart des Mems und der memetischen Infektion. In: Verantwortungsblog. https://zevedi.de/mit-lustigen-bildchen-zum-neuen-faschismus-die-gegenwart-des-mems-und-der-memetischen-infektion/ [21.11.2025]. https://doi.org/10.60805/qs1h-e689.



