Gibt es eine deutsche Tech-„Broligarchie“?
Als „Broligarchen“ werden jene schwer- und einflussreichen US-Tech-Unternehmer angeprangert, die eine problematische Nähe zu autoritären und rechtsradikalen politischen Kräften eingenommen haben. Wie sieht es angesichts dieser Entwicklung in der digitalen Elite in Deutschland aus?
Von Lion Hubrich | 21.08.2025

Das Silicon Valley schien einst ein Hort von exzentrischen Träumern zu sein, die den Glauben an die Schaffenskraft von Unternehmertum und digitalen Technologien mit einem individualistischen Freiheitsdrang verbanden. Lange erhoffte man sich, dass es dem Nutzen der ganzen Gesellschaft dienen würde, diesen Träumern in ihrem Innovationsstreben freien Lauf zu lassen. Heute dämmert jedoch immer mehr die Erkenntnis, dass die amerikanischen Tech-Eliten oft keine harmlosen Nerds sind, sondern auch durchaus archaische Herrschaftsgelüste hegen – und diese umso ungezügelter ausleben können, je mehr ein entfesselter digitaler Kapitalismus seinen Lauf nimmt. Die Eliten des US-Digitalsektors konnten sich in den letzten Jahren ungeheuren Wohlstand aneignen, nun greifen sie in Allianz mit dem Trump-Regime zudem nach der Macht im amerikanischen Staat. Aufgrund dieser zunehmenden politischen, ökonomischen und kulturellen Macht von autokratisch und patriarchisch eingestellten Männern aus der Technologiebranche werden die USA heute mit einigem Recht als „Broligarchie“ bezeichnet (Cadwalladr 2024).
Sozialstruktur der deutschen Digitalelite
In diesem Kontext mag man sich nach Alternativen sehnen und fragen: Wie sieht es eigentlich mit den Technologie-Eliten in Deutschland aus? Was ist von ihnen zu erwarten? Sind sie nur die Nachahmer des Silicon Valleys oder gehen sie selbstbewusst einen eigenen Weg? In meiner Forschung gehe ich dieser Frage aus einer elitensoziologischen Perspektive nach. Der grundsätzliche Ansatz der Elitesoziologie besteht dabei darin, strukturell danach zu fragen, welche Art von Personen in Positionen kommt, in denen sie an den Schlüsselentscheidungen eines Feldes teilhaben. In meiner aktuellen Studie über die Eliten der Digitalisierung in Deutschland habe ich dementsprechend diejenigen Personen untersucht, die Unternehmen und Verbände in der Digitalbranche leiten – wobei die „Digitalbranche“ hier so gefasst ist, dass sie sowohl Start-ups als auch Großunternehmen beinhaltet. Insgesamt habe ich 254 Individuen identifiziert, die der deutschen Technologie-Elite zugerechnet werden können, anhand deren Lebensläufe und Netzwerke sich die Sozialstruktur der deutschen Digitalelite ausmachen lässt. Hierzu lassen sich drei zentrale Befunde zusammenfassen (ausführlich berichtet in Hubrich/Staab 2024).
Erstens zeigt meine Analyse, dass in der deutschen Digitalwirtschaft weiterhin ein starkes nationales Elitenetzwerk existiert. In diesem Netzwerk nehmen die Eliten aus etablierten Industrieunternehmen zentrale Positionen ein und sind über Aufsichtsratsmandate und gemeinsame Aktivitäten in Beratungs- und Verbandsgremien gut miteinander vernetzt. Vertreter jüngerer Unternehmen bleiben hingegen eher am Rand dieses Netzwerks.
Zweitens fand ich in den untersuchten Eliten-Lebensläufen ein geringes Maß an Internationalisierung, sowohl was die Herkunft als auch die entscheidenden Karriereschritte betrifft. Zwar sind 13,4 % der untersuchten Eliten im Ausland aufgewachsen. Aber darunter sind viele Kinder von deutschen Managerfamilien, die im Ausland gewesen sind, die ihre gesamte Karriere aber in Deutschland verbrachten oder die aus Nachbarländern wie Österreich oder der Schweiz stammen. Genuine Quereinsteiger, die aus dem außereuropäischen Ausland in die deutsche Digitalelite einsteigen, sind mit 2,4 % hingegen sehr selten. Und für deutsche Staatsangehörige sind kurze Auslandsaufenthalte während des Studiums oder im Beruf zwar üblich – die entscheidenden Karriereschritte werden aber üblicherweise weiterhin im Inland unternommen. Auch Berufserfahrung bei führenden US-Tech-Unternehmen spielt keine große Rolle.
Drittens dominieren in der deutschen Digitalwirtschaft weiterhin Karriereverläufe, die typischen traditionellen Mustern der deutschen Elitenbildung, also nicht einer an das Silicon Valley erinnernden Berufsbiografie folgen. Dies betrifft insbesondere ihre Hochschulbildung, bei der sich Aufenthalte an renommierten und teuren internationalen Universitäten beziehungsweise Business Schools weder als üblich noch als notwendig erweisen (zum Beispiel besuchte jeweils nur eine einzige Person die Stanford University oder die Harvard Business School). Die deutsche Tech-Elite studierte stattdessen an deutschsprachigen Massenuniversitäten wie der TU München, der RWTH Aachen, oder dem Karlsruher Institut für Technologie – wobei allerdings keine einzige Universität von mehr als 6,7 % der untersuchten Elitepopulation besucht wurde, somit also keine eindeutigen „Eliteschmieden“ auszumachen sind. Und in Bezug auf die Karrierelaufbahnen gibt es keine Anpassung an das US-amerikanische Modell des ständigen Wechsels zwischen verschiedenen Unternehmen: Fast die Hälfte der Tech-Elite hat eine klassische deutsche „Kaminkarriere“ in dem Sinne absolviert, dass sie innerhalb von fünf Jahren nach dem Hochschulabschluss in ihrem aktuellen Unternehmen zu arbeiten begann und dort die „Karriereleiter“ emporkletterte.
Keine Disruption
Insgesamt legen meine Daten damit nahe, dass in der Elitenbildung in Deutschland die Persistenz eingespielter nationaler Muster gegenüber vermeintlich disruptiven globalen Makrodynamiken wie der Globalisierung überwiegt. In sozialstruktureller Hinsicht repräsentieren Deutschlands heutige Tech-Eliten keinen neuen Aufbruch, sondern sie erinnern eher an die Wirtschaftseliten der 1990er.
Angesichts der destruktiven Rolle, die exzentrische Technologie-Unternehmer heutzutage in der amerikanischen Gesellschaft spielen, liegt in diesem Befund wohl auch etwas Positives: Auf politischer Ebene kann man sich von ihnen immerhin ein gewisses Maß an Stabilität versprechen. Obwohl die deutschen Tech-Eliten sehr überwiegend männlich sind, konstituieren sie hierzulande also bislang keine „Broligarchie“ – zumindest nicht in dem Sinne, dass sie politische Machtansprüche stellen oder sich als Träger von libertären oder rechtsradikalen Bewegungen einspannen lassen.
Gleichzeitig bleibt jedoch die Frage, woher in Deutschland bahnbrechende Innovationen kommen sollen, wenn die hiesige Unternehmenslandschaft von Personen beherrscht wird, die seit Jahrzehnten unverändert ungefähr dieselben Sozialisationsmuster durchlaufen. ■
Literatur
Cadwalladr, Carole (2024): Tech broligarchs are lining up to court Trump. And Vance is one more link in the chain. In: The Guardian vom 20.06.2024. https://www.theguardian.com/us-news/article/2024/jul/20/tech-broligarchs-court-trump-vance-elon-musk-peter-thiel [29.05.2025].
Hubrich, Lion und Staab, Phillipp (2024): Eliten der Digitalisierung. Führungswechsel in der deutschen Wirtschaft? In: Berliner Journal für Soziologie, Nr. 34(3), S. 309-337. https://doi.org/10.1007/s11609-024-00533-4.
Zitiervorschlag
Hubrich, Lion (2025): Gibt es eine deutsche Tech-„Broligarchie“? In: Verantwortungsblog. https://zevedi.de/gibt-es-eine-deutsche-tech-broligarchie/ [21.08.2025]. https://doi.org/10.60805/r0zz-yk68.



