Das muss eine Art Airbus-Projekt werden
Wie können wir einerseits Daten teilen, andererseits aber Digitale Souveränität bewerkstelligen? Diese Doppelaufgabe wird in Zeiten geopolitischer Verwerfungen und Unwägbarkeiten immer schwieriger, auch angesichts knapper öffentlicher Kassen. Gilt es auf digitale Normen zu pochen, wie sie beispielsweise der Digital Services Act der EU kodifiziert? Oder sollten die Regelwerke vielmehr entschärft werden, etwa um europäische Unternehmen zu entlasten? Und welche Risiken ergeben sich daraus für die Nutzer:innen von Onlinediensten?
Interview mit Jan Philipp Albrecht | 20.05.2026

Verantwortungsblog: Herr Albrecht, in den vergangenen Legislaturperioden konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Politik viel Hoffnung mit dem Thema Datenteilen verbindet. Wie sehen Sie das?
Jan Philipp Albrecht: Das Teilen von Daten ist ein zentraler Punkt der Digitalisierung, denn die Vernetzung von Systemen funktioniert nur, wenn es Schnittstellen zwischen verschiedenen Akteuren, Personen oder eben Systemen gibt. Das ist das Wesen dieser Entwicklung. Insofern geht es bei Regulierung darum, wie wir Schnittstellen vereinfachen und Standards schaffen können, sodass Informationen ausgetauscht und damit die digitalen Möglichkeiten ausgeweitet werden.
Gleichzeitig geht es allerdings um die Frage: Gibt es ausreichend Vertrauen in die Integrität solcher Systeme, in die Empfänger von Informationen und in gemeinsame Regeln, gemeinsame Standards für den Umgang miteinander? Das ist ein entscheidender Punkt, den wir im globalen digitalen Markt noch beantworten müssen. Denn die Standards sind sehr unterschiedlich. Das liegt auch daran, dass sehr unterschiedliche Länder, politische Systeme und Grundlagenentscheidungen in den Markt involviert sind.
V-Blog: Inwiefern ist das Datenteilen ein politisches Thema? Warum kommt es auf politischen Gestaltungswillen an und nicht nur auf technische und juristische Expertise?
JPA: Es geht darum, Vertrauen zu schaffen. Vertrauen kann aber nur geschaffen werden, wenn es nicht nur eine rechtliche oder technische Lösung gibt, sondern auch eine gesellschaftliche Übereinkunft, ein gegenseitiges Verständnis. Und dazu gehört, dass sich Menschen auf bestimmte Grundentscheidungen in der Gesellschaft verlassen können: Ich respektiere die Grundrechte und die ökonomischen Interessen anderer. Diese Haltung geht über das hinaus, was in Gesetzen oder Rechtstexten steht. Es handelt sich um ein gesellschaftliches Fundament, das bestehen muss, um Vertrauen zu schaffen. Ist dieses Vertrauen jedoch vorhanden, dann kann es zu einem Umfeld kommen, in dem das Teilen von Informationen, das Miteinander und die Kooperation im Vordergrund stehen – nicht aber Abschottung und der Schutz der eigenen Sphäre. Dies sollten politische Entscheidungsträger:innen mit geeigneten Entscheidungen herbeiführen.
V-Blog: Sie sind schon lange mit diesem Themenbereich befasst. Welche Auffassungsänderungen können Sie beobachten?
JPA: Zu Beginn der Social Media-Ära, also eines Internets, in dem ich selbst sehr viel auch private oder halböffentliche Informationen teilen kann, war die Bereitschaft sehr groß, sich in den Austausch zu begeben. Viele Menschen haben gesehen, was für Möglichkeiten damit verbunden sind und welche neuen Kommunikationswege und Netzwerke sich so herausbilden. Relativ schnell kamen dann aber Befürchtungen. Man merkte, was das eigentlich bedeuten kann, wenn es keine gemeinsamen Regeln und keine verlässlichen Bedingungen für diese Kommunikationsvorgänge gibt.
Mangels gemeinsamer, verlässlicher Standards, die auch die Politik nicht schaffen konnte, gab es kein vertrauensvolles Umfeld. Und mit diesen Schwierigkeiten zweifelte man dann bald, dass es überhaupt solche Regeln geben könne und dass jemand sie durchsetzt. Dieses Misstrauen sorgt heute dafür, dass viele Menschen sich ein Stück weit wieder aus dem Teilen von Informationen und aus der Teilhabe an neuen Technologien herausziehen. Man kann es ihnen nicht übelnehmen. Die Digitalpolitik muss Hausaufgaben erledigen, wenn sie dieses Vertrauen langfristig aufbauen will.
V-Blog: Wurde das Datenteilen zu Beginn zu naiv betrachtet?
JPA: Ja. Vielen Menschen war nicht bewusst, dass digitale Technik von sich aus bereits sehr viele Informationen teilt. Ich muss das als Nutzer gar nicht aktiv vermitteln. Zu Beginn haben wir dennoch gedacht: Ein Handy ist ein Telefon, und mit dem kann ich auch SMS verschicken und geteilt wird das, was da drinsteht. Dass hinter dem Gerät aber ein Prozess steht, mit dem ganz viele Informationen geteilt werden, damit diese Technologie funktioniert, und dass das mit dem Internet und vor allem mit Plattformdiensten noch viel komplexer geworden ist, dass es also unglaublich viele Hintergrundinformationen sind, die wir weitergeben, ohne dem aktiv zuzustimmen – diese Erkenntnis hat sich erst mit der Zeit durchgesetzt. Also war tatsächlich lange etwas Naivität im Spiel. Es war schlicht nicht klar, was es heißt, wenn ein Unternehmen oder eine Behörde alle meine Metadaten und Verkehrsdaten besitzt. Das sind doch nur Zahlen, was wollen die damit schon anrichten – so dachten viele wohl. Aber durch diese Daten ergibt sich ein genaues Abbild der Lebensrealität und daraus erwachsen letztendlichen Manipulationsmöglichkeiten.
V-Blog: Es gab also Naivität auf Seiten der Nutzer:innen – gab es diese Naivität auch auf Seiten der Politik?
JPA: Die gab es ebenfalls. Sie ist aber schon früh zerstört worden. Ganz am Anfang, als die ersten iPhones auf den Markt kamen, gab es bei Apple die Einstellung, Standorte sollten immer gespeichert werden. Das haben Leute mit einer Karte sichtbar gemacht, auf der man sich selbst einwählen und sehen konnte: Oh, Apple weiß tatsächlich, wo ich das letzte Jahr überall war. Gerade für Politiker:innen ergibt sich die Frage, wie erpressbar oder manipulierbar sie dadurch sind. Das hat sie alarmiert. Und das ist nur ein Fall von vielen. Der Skandal, dass Kanzlerin Merkel abgehört wurde, ist ein anderer.
Freilich wird man sagen müssen: Es gibt heute immer noch eine große Naivität, etwa gegenüber der Gefahr der Manipulierbarkeit – nicht nur von Einzelnen oder von Amtsträger:innen, sondern von Massen und der Bevölkerung. Das wird jetzt sichtbar, weil bestimmte geopolitische Akteure, zum Beispiel aus Russland oder bestimmte Kreise in den USA, diese Technologien nutzen, um ihre Weltsicht nach Europa zu tragen und hier politisch Einfluss zu nehmen.
V-Blog: Wie sehen die heutigen Spannungsfelder aus, in denen sich die Politik mit diesem Thema bewegt und welche Auswirkungen hat hier die derzeitige geopolitische Lage?
JPA: Die Geopolitik hat eine sehr große Bedeutung. Wenn man hört, was J.D. Vance sagte, bevor Trump zum Präsidenten gewählt und er Vizepräsident wurde: Wenn Ihr Europäer den Digital Services Act gegenüber der Plattform X durchsetzt, dann müssen wir in Frage stellen, ob wir die Ukraine weiter unterstützen… Das war eine unmittelbare Verbindung der Frage der Durchsetzung europäischer Digitalnormen gegenüber großen US-Plattformen mit Verteidigungs- und Sicherheitsfragen und den Bündnisfragen zwischen Europa und den USA.
Es geht also schon lange nicht mehr nur um Netzkultur oder um Datenschutzfragen, sondern um Machtfragen, um politische Vorherrschaft, um die Beeinflussungen von Öffentlichkeiten. Ebenso geht es um die Frage: Wo entsteht demokratische Öffentlichkeit oder Öffentlichkeit überhaupt? Das muss die Politik verstehen, weil es an die Grundfesten ihrer Verfasstheit geht – nicht nur von Demokratie, sondern von grundlegenden Verfassungsfragen, von Rechtsstaatlichkeit, ja, gar von Völkerrecht. Heute ringen wir auf elementare Weise um die Frage: Wie werden Öffentlichkeiten geprägt und wer entscheidet darüber, wie wir in unseren Gesellschaften im Diskurs stehen?
V-Blog: Aktuell wird in der EU ein Gesetzespaket namens „Digital Omnibus“ verhandelt. Manche kritisieren die dort vorgesehenen Neuerungen als Geschenk an Big Tech. Wie schätzen Sie das ein?
JPA: Der Prozess läuft noch und ich habe das Gefühl, dass die eine oder andere Diskussion noch aussteht. In jedem Fall kann man aber sagen: Die Politik springt hier zu kurz. Es ist Druck entstanden, weil es in der existierenden Digitalgesetzgebung viele Baustellen gibt, die noch ungelöst sind: Wie kann die Kommunikation zwischen Verbraucherinnen und Verbrauchern und Unternehmen besser funktionieren? Wie soll der Datenschutz im Detail ausgestaltet werden? Sollen die Nutzer:innen wirklich immer wieder in die Verarbeitung ihrer Daten einwilligen müssen oder nicht? Es wäre eine wichtige Aufgabe der Politik, diese Fragen zu beantworten. Der berechtigte Druck rührt zudem daher, dass alte Regeln reformiert werden müssen, zum Beispiel die E-Privacy-Richtlinie, die noch aus Zeiten stammt, als wir mit Handys nur ganz wenig kommuniziert haben.
Aber die Politik bringt derzeit grundlegende Entscheidungen oder größere Reformen nicht mehr über den Berg. Gerade im Europäischen Parlament sehen wir, dass die Mehrheiten nicht mehr da sind, aufgrund der starken Präsenz von rechten und europaskeptischen Parteien. So weicht man vor den wichtigen Fragen zurück, will aber irgendwie zeigen, dass man doch noch handlungsfähig ist. Zum Beispiel um es denjenigen leichter zu machen, die zum Beispiel von bürokratischen Auflagen besonders belastet sind. Damit wird aber eben an Symptomen herumgedoktert und es werden kosmetische Änderungen vorgenommen. Weder weiß man, ob sie Entlastungen bringen, noch welche Gefahren für Missbrauch sie möglicherweise verursachen. Ich glaube, dass das keine Fortschritte bringen wird.
V-Blog: Welche Gestaltungsvorschläge gäbe es für den Bereich eines guten Datenteilens?
JPA: Überlegen wir uns zum Beispiel, wie wir als Gesellschaft gelernt haben, im Straßenverkehr miteinander umzugehen: Dort gibt es Ampeln und Verkehrsschilder, durch die ich klar erkenne, worum es geht, denn alle mussten das lernen, beispielsweise wenn sie den Führerschein machen. Wir müssen also keine langen juristischen Texte mehr lesen, bevor wir über die Kreuzung gehen oder mit dem Auto darauf fahren. Wir müssen uns nicht darüber verständigen, wer Vorfahrt hat, das ist ein eingespieltes System. So etwas muss auch im digitalen Zusammenleben herbeigeführt werden. Solche klaren Regeln braucht es nicht nur, wenn es um den Schutz von personenbezogenen Daten geht, sondern auch wenn es um meine Übereinkunft mit einem Anbieter geht. Deren Kommunikation muss verständlicher werden. Also nicht durch lange AGBs oder Datenschutz- oder sonstige Erklärungen geregelt, die niemand liest und die nur dafür formuliert sind, dass sich Unternehmen von jeder Haftung freizumachen versuchen. In vielen anderen Bereichen gehen wir deutlich härter mit Unternehmen um.
Ich würde mir wünschen, dass die Politik den nächsten Schritt geht und sagt: Wir haben uns grundsätzlich Gedanken darüber gemacht, welche Regeln im Digitalen gelten können. Jetzt muss es darum gehen, diese Regeln, die wir vereinbart haben, in der Praxis so handhabbar zu machen, dass wir sie als Gesellschaft intuitiv anwenden.
V-Blog: Was müsste Politik aus Ihrer Sicht in diesem Feld deutlicher thematisieren? Ist da ein Bereich, der noch zu wenig diskutiert wird?
JPA: Neben dem, was ich eben gesagt habe, braucht es eine stärkere Regulierung zugunsten von mehr Übergängen innerhalb des Datenmarkts. Die digitale Kommunikation und die digitalen Technologien müssen offen gehalten werden für ein Zusammenspiel untereinander. Das heißt zum Beispiel, dass ich von der einen Plattform Nachrichten auf die andere schicken oder aus einem Auto heraus mit dem anderen kommunizieren kann und nicht nur mit der eigenen Marke. Es geht also darum, dass ich in der Lage bin, Schnittstellen über einzelne Produkte hinweg zu nutzen. So wie wir als Politik reguliert haben, dass jeder mit jedem Handy und jedem Mobilfunkvertrag, jeden anderen mit Handy und Mobilfunkvertrag ohne Zusatzgebühr anrufen kann, so könnten wir auch die Interoperabilität erzwingen, also das Zusammenwirken von Technologien in vielen anderen Feldern und Diensten. Damit könnten wir dazu beitragen, dass die Menschen mehr Wahlmöglichkeiten haben. Dass sie auch nicht diesen Locked-in-Effekten, also Verträgen mit Knebelbedingungen ausgesetzt sind, aus denen man nicht mehr herauskommt. Da braucht es mehr Wettbewerb.
V-Blog: Sie waren unter anderem Digitalminister in Schleswig-Holstein. Das Bundesland ist bekannt dafür, verstärkt auf Open Source Software zu setzen. Inwiefern spielt das eine Rolle in Hinblick auf das, was Sie eben gesagt haben?
JPA: Es spielt eine große Rolle. Wir sehen ja, wie in allen Ländern Europas die Betriebs- und Cloud-Systeme von Microsoft in öffentlichen Verwaltungen genutzt werden. Das ist nicht per se ein Problem, es ist aber dadurch zum Problem geworden, dass man heute eigentlich keine Alternativen hat. Es gibt keine Möglichkeit zu sagen: Wir wollen in einem offenen Ausschreibungsverfahren mal schauen, ob jemand ein besseres Betriebssystem anbietet. Es war ein großer Fehler, auf solche proprietäre Software und Dienste zu setzen. Hätte man das offener gehalten, dann wäre es zumindest möglich gewesen, dass Gelder der öffentlichen Verwaltung für Dienste und Unternehmen in Europa geflossen wären. Das hätte auch zu Alternativen auf dem Markt geführt. Mittels Open Source kann die Verwaltung außerdem auch besser beeinflussen, was mit ihren Informationen passiert. Jetzt müssen wir das erst mühsam aus einer Abhängigkeitslage heraus umsetzen.
Und damit sind wir wieder bei der Geopolitik: Stellen wir aktuell fest, dass wir in Europa unabhängiger werden müssen, dann stehen wir mit leeren Händen da. Hätte es mehr Versuche gegeben, wie die Open Source-Einführung in der schleswig-holsteinischen Verwaltung, dann hätten wir mehr Beispiele, an die wir anknüpfen und die wir weiterführen könnten. Die Strategie, die wir in Schleswig-Holstein umgesetzt haben, ist allerdings sehr ambitioniert. In der gegebenen Lage stoßen wir damit an Grenzen. So hätten wir die Cloud-Kapazitäten in Europa derzeit gar nicht, um beispielsweise von den Systemen von Microsoft zu europäischen Systemen zu wechseln. Diese Kapazitäten müssen erst aufgebaut werden. Das muss jetzt in den Fokus der Politik rücken, damit große Investitionen und ein großer Wurf zur Befreiung von diesen Abhängigkeiten stattfindet.
Ich sprach eben für ein Bundesland. Politik kann das aber meines Erachtens letztlich nur europäisch schaffen. Das muss eine Art Airbus-Projekt werden. Mit Airbus hat man sich damals aus der Abhängigkeit vom US-Flugzeugbauer Boeing befreit. Ein solches Projekt bedarf hoher Investitionen, auch der öffentlichen Hand. Das muss Priorität bekommen. Auch wenn es angesichts knapper Finanzmittel schwieriger wird.
V-Blog: Inwiefern braucht es eine europäische Strategie? Warum reicht eine deutsche Strategie nicht aus?
JPA: Aktuell geht es vor allem um die Frage: Gibt es wettbewerbsfähige Anbieter für Dienste im IT- und im Cloud-Bereich in Europa, die mit den großen Anbietern aus den USA mithalten können? Man muss leider immer wieder sagen: Die gibt es in vielen Bereichen nicht. Wenn diese fehlen, dann kann man nicht einfach abwarten, dass sie entstehen, sondern sie müssen aktiv geschaffen werden. Diese Dienste müssen übrigens nicht alle als Staatsunternehmen betrieben werden. Man kann durchaus Konsortien bilden. Auch Airbus – mein Beispiel von eben – ist ein Konsortium, das gut funktioniert. An dieser Stelle muss man die Naivität ablegen.
Freilich kann so etwas wie Airbus nicht nur von einem Mitgliedstaat oder von Deutschland allein auf den Weg gebracht werden. Dies muss im Rahmen eines gemeinsamen europäischen Bündnisses erfolgen. Ob dieses Bündnis die ganze Europäische Union umfassen soll? Das wird man heute vielleicht in Frage stellen. Es gilt voranzukommen. Wenn es gelingen würde, einige EU-Staaten dazu zu bewegen – vielleicht gemeinsam mit einigen Nicht-EU-Staaten, eine solche Infrastruktur oder solche Anbieter aufzubauen, dann wäre es an der Zeit, damit zu beginnen!
V-Blog: Herr Albrecht, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview wurde im Januar 2026 geführt.
Zitiervorschlag
Albrecht, Jan Philipp (2026): Das muss eine Art Airbus-Projekt werden. In: Verantwortungsblog. https://zevedi.de/das-muss-eine-art-airbus-projekt-werden/ [20.05.2026]. https://doi.org/10.60805/v91j-wy84.




