Digital Immortality? Zur technologischen Radikalisierung einer alten Sehnsucht
Seit Jahrtausenden träumen die Menschen davon, über den Tod hinauszuleben. Die Digital Afterlife Industry verwandelt diese Sehnsucht in Technologien, Daten und Geschäftsmodelle. Werden digitale Untote nun Teil unseres Alltags?
Von Alexandra Rau | 03.09.2026

„If death is part of life and life has become digital, it is inevitable that death has also become digital, combining the private with the public, the individual with the collective, and the real with the virtual.“
(Davide Sisto (2020: 7)
Die Rückkehr der Toten in den Feed
Am 25. Dezember 2025 berichtete die Tagesschau1https://www.youtube.com/watch?v=Mf1IXVPo4k8 über digitale Anwendungen, die Verstorbene mithilfe generativer KI scheinbar weiterleben lassen. Plattformen wie Sora, Project December, Eternos2Die Digital Afterlife Industry entwickelt sich derzeit äußerst dynamisch. So wurde das ursprünglich auf digitale Nachlebenstechnologien spezialisierte Unternehmen Eternos AI Ende 2025 unter dem Namen Uare.ai strategisch neu ausgerichtet und fokussiert sich seither auf KI-gestützte digitale Zwillinge lebender Personen., AIdentical erzeugen aus Text-, Bild-, Video- und Sprachdaten digitale Abbilder Verstorbener, die sprechen, reagieren und mit Hinterbliebenen interagieren können. Tote erscheinen plötzlich wieder auf Bildschirmen, antworten auf Nachrichten oder erzählen Geschichten mit synthetisch erzeugter Stimme. Was noch vor wenigen Jahren nach Science-Fiction klang – etwa in der Episode Be Right Back der britischen Serie Black Mirror –, findet sich heute in ersten kommerziell verfügbaren Anwendungen wieder und zeichnet sich als mögliche neue Form digitaler Alltagskultur ab.
Doch die mediale Präsenz der Toten beginnt nicht erst mit KI-Avataren. Bereits seit Jahren bleiben Verstorbene in sozialen Netzwerken sichtbar: Geburtstagsbenachrichtigungen erscheinen weiterhin im Feed, alte Fotos tauchen algorithmisch kuratiert als „Erinnerungen“ auf dem Smartphone auf, Profile existieren fort, obwohl die Personen längst verstorben sind. Die Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Johanna Sumiala und die Soziologin Dorthe Refslund Christensen beschreiben diese Entwicklung als „Digital Death“ (2024) – eine neue Form der Verschränkung von Tod, Medien und Öffentlichkeit. Die Toten verschwinden damit nicht mehr zwingend aus dem sozialen Raum. Sie bleiben online. Debra Bassett prägte hierfür den Begriff der „Digital Zombies“ (2015): Tote, deren digitale Profile und Datenspuren auch nach ihrem Tod weiterhin durch algorithmische Systeme verarbeitet und im sozialen Raum sichtbar gehalten werden.
Mit generativer KI erreicht diese Entwicklung nun eine neue Stufe. Aus passiven Datenfragmenten werden interaktive Systeme. Die Toten erscheinen nicht mehr nur als Erinnerung, sie beginnen scheinbar wieder zu sprechen. Damit entsteht eine neue Form der „Thanatechnology“: digitale Technologien, die Erinnern, Trauern und die Beziehung zu Verstorbenen mediatisieren und transformieren. Dabei werden zwei Nutzer:innengruppen adressiert: einerseits Personen, die bereits zu Lebzeiten ihre digitale Präsenz für die Zeit nach dem Tod vorbereiten, ihr „digitales Weiterleben“ also aktiv gestalten und andererseits Hinterbliebene, die aus den Daten Verstorbener sogenannte Dead- oder Thanabots erstellen. Doch gerade weil die gegenwärtige Debatte häufig von technologischer Euphorie oder dystopischer Faszination geprägt ist, lohnt sich ein kulturhistorischer Perspektivwechsel. Denn die zentrale Frage lautet nicht nur, was technisch möglich geworden ist, sondern ob hier tatsächlich etwas grundsätzlich Neues entsteht.
Die Genealogie des Weiterlebens: Von Homer zum Datenkörper
Die Vorstellung, dass menschliche Existenz mit dem Tod nicht vollständig endet, ist keineswegs neu. Vielmehr handelt es sich um ein kulturhistorisch tief verankertes Motiv, das sich durch unterschiedliche Epochen hindurch als wiederkehrende Narration beobachten lässt. Sie begegnet uns in Mythologien, Religionen, literarischen Texten und popkulturellen Formaten. Sie variiert in ihren konkreten Ausformungen, kreist jedoch stets um dieselbe grundlegende Frage: Was geschieht mit dem Menschen nach dem Tod – und wie kann seine Existenz über dieses Ende hinaus gedacht werden? Weniger als die Frage nach einer möglichen bzw. tatsächlichen Unsterblichkeit interessiert dabei aus kulturanthropologischer Perspektive jedoch, wie Gesellschaften ihre Toten kulturell verorten. Maurice Bloch (1971) fasst dies unter dem Begriff des placing the dead. Mythen, Religionen und Totenrituale beantworten demnach nicht nur die Frage, was nach dem Tod geschieht, sondern auch, welcher Ort den Toten physisch wie symbolisch zukommt und in welcher Beziehung sie zu den Lebenden stehen.
In der griechischen Mythologie etwa markiert der Tod kein Ende der Existenz. So schildert Homers Odyssee den Hades als einen Ort, an dem Verstorbene als körperlose Schatten ihrer selbst fortbestehen und mit den Lebenden in Kontakt treten können. Auch religiöse Traditionen entwickelten unterschiedliche Modelle der Fortexistenz. Im Christentum stehen Auferstehung und ewiges Leben im Zentrum, während hinduistische und buddhistische Vorstellungen von Wiedergeburt und zyklischer Existenz geprägt sind. Trotz aller Unterschiede verbindet diese Narrative eine gemeinsame Grundidee: Der Tod markiert keinen endgültigen Abbruch, sondern einen Übergang. Solche Jenseitsvorstellungen erfüllen dabei eine wichtige soziale Funktion. Sie schließen eine existentielle Leerstelle – die Ungewissheit darüber, was mit dem Menschen nach dem Tod geschieht. Im Anschluss an Silke Meyer (2020) lassen sie sich als gesellschaftliche Blaupausen, als sogenannte Metaerzählungen verstehen, die individuelle Erfahrungen von Verlust und Endlichkeit in kollektiv geteilte Sinnhorizonte einordnen. Katarzyna Nowaczyk-Basińska und Paula Kiel (2024) sprechen in diesem Zusammenhang von „immortologischen Imaginationen“ – kulturellen Vorstellungsräumen, in denen Möglichkeiten der Fortexistenz entworfen werden.
Mit der Säkularisierung verschwinden diese Vorstellungen keineswegs. Vielmehr werden sie in neue kulturelle Kontexte übersetzt. Insbesondere die moderne Popkultur fungiert dabei als wichtiger Träger dieser Narrative. Von Star Wars über The Matrix bis hin zur eingangs erwähnten Black Mirror-Episode greifen Filme, Serien und Computerspiele immer wieder die Frage auf, wie menschliche Existenz über den Tod hinaus fortbestehen kann. Der Tod erscheint dabei selten als absolute Grenze, sondern als etwas, das verschoben, überwunden oder technisch umgangen werden kann. Ein besonders einschlägiges Beispiel hierfür ist sicher Mary Shelleys Frankenstein. Der Roman erzählt die Überwindung des Todes bereits als technisches Projekt und kann damit als früher Vorläufer heutiger Wiederbelebungsfantasien gelesen werden. Während Frankenstein noch die biologische Reanimation des Körpers imaginiert, versucht die heutige Digital-Afterlife-Industrie Daten, Kommunikationsmuster und Persönlichkeitsfragmente zu rekonstruieren. Es ist nicht länger das Fleisch, das belebt wird, sondern – um eine bekannte Metapher aufzugreifen – der „Geist in der Maschine“.
Damit zeigt sich: KI bringt die Idee des Weiterlebens nicht hervor. Die Sehnsucht nach Fortexistenz begleitet die Menschheitsgeschichte seit Jahrtausenden. Neu ist vielmehr die Form, in der dieses Weiterleben imaginiert wird. An die Seite mythologischer und religiöser Jenseitsvorstellungen sowie popkultureller Unsterblichkeitsentwürfe treten somit zunehmend technologische Systeme als neue Träger dieser Imaginationen. Mit Maurice Blochs Konzept des placing the dead ließe sich argumentieren, dass Digital-Afterlife-Technologien die kulturelle Verortung der Toten neu organisieren.
Continuing Bonds und Spiritismus: Die Fortsetzung medialer Vermittlung
Die Vorstellungen eines Weiterlebens nach dem Tod bilden jedoch nur eine Seite dieses kulturhistorischen Kontinuums. Die Auseinandersetzung mit Tod und Endlichkeit erschöpft sich nicht in Narrativen über Fortexistenz, sondern zeigt sich ebenso in konkreten sozialen und kulturellen Praktiken des Erinnerns, Gedenkens und Trauerns. Damit rückt eine weitere Frage in den Mittelpunkt: Ist der Wunsch, mit den Toten in Beziehung zu bleiben oder sogar mit ihnen zu kommunizieren, tatsächlich ein neues Phänomen, gar eine Folge digitaler Technologien?
Die moderne Trauerforschung widerspricht längst der Vorstellung, Trauer bedeute primär „Loslösung“. Seit den 1990er Jahren etablierte sich das Konzept der continuing bonds (vgl. u.a. Bell u. a. 2015). Die Beziehung zu Verstorbenen endet demnach gerade nicht mit dem Tod, sondern verändert lediglich ihre Form. Menschen sprechen innerlich mit Verstorbenen, schreiben Briefe an Tote, bewahren Kleidungsstücke oder persönliche Gegenstände auf, besuchen Gräber oder richten häusliche Erinnerungsorte ein. Nicht zuletzt ritualisierte Erinnerungsformate wie Allerheiligen oder der mexikanische Día de los Muertos schaffen wiederkehrende Momente des Gedenkens und der symbolischen Beziehung zu den Toten. Dabei spielen Medien seit jeher eine zentrale Rolle. Fotografien fungieren seit dem 19. Jahrhundert als Speicher emotionaler Präsenz, später treten Tonaufnahmen und Videos hinzu. Sie ermöglichen es, Erinnerungen zu konservieren und Verstorbene symbolisch im Alltag präsent zu halten.
Auch literarisch findet sich diese fortdauernde Beziehung immer wieder. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist etwa Siri Hustvedts Buch Ghost Stories (2026), in dem sie ihre Trauer und Erinnerungsarbeit um ihren verstorbenen Ehemann und langjährigen Lebenspartner Paul Auster eindrücklich schildert und deutlich macht, inwiefern sie ihn dadurch am Leben erhält. Sie trage seine Jacke, lese seine Bücher sowie ihre eigenen Liebesbriefe erneut, um an frühere Vorstellungen von ihm und ihrer gemeinsamen Beziehung anzuknüpfen. Erinnerung fungiert dabei nicht nur als Rekonstruktion der Vergangenheit, sondern auch als imaginative Simulation einer fortdauernden Beziehung. Vergangene Erfahrungen werden genutzt, um sich vorzustellen, wie Auster auf gegenwärtige Ereignisse reagieren oder was er dazu sagen würde. In ihrem Buch beschreibt Hustvedt damit eine Form alltäglicher postmortaler Beziehungspflege. Sie veranschaulicht damit eindrücklich, dass und wie Verstorbene auch nach ihrem Tod Teil der Lebenswelt der Hinterbliebenen bleiben können – und das zunächst ganz ohne digitale Simulationen. Die Beziehung endet damit nicht abrupt, sondern transformiert sich in Erinnerung und innere Kommunikation.
Als besonders prägnantes Beispiel für Praktiken postmortaler Verbindung und Kommunikation lässt sich zudem der Spiritismus anführen. Im Gegensatz zu den bislang beschriebenen Formen des Erinnerns und In-Beziehung-Bleibens findet sich hier bereits ein interaktives Moment, das zunächst als Alleinstellungsmerkmal heutiger Deadbots und Avatare Verstorbener erscheinen mag. So entstand im 19. Jahrhundert mit dem Spiritismus (vgl. u.a. Saraiva 2025) eine kulturelle Bewegung, die versprach, Kontakt mit Verstorbenen herzustellen. Sogenannte Medien und Séancen fungierten dabei als Vermittlungsinstanzen zwischen den Welten der Lebenden und der Toten. Stimmen wurden „übersetzt“, Botschaften interpretiert und unsichtbare Präsenz medial erfahrbar gemacht. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive erscheint die Parallele zu heutigen KI-Avataren dabei bemerkenswert. In beiden Fällen wird die Abwesenheit der Toten durch ein Medium überbrückt. Damals war es der bzw. die spiritistische Vermittler:in, heute übernimmt generative KI diese Rolle. Beide Systeme erzeugen kommunikative, das heißt interaktive Situationen, in denen Tote scheinbar weiterhin ansprechbar bleiben. Auch die Ökonomisierung ist keineswegs neu. Spiritistische Sitzungen waren häufig kommerzielle Dienstleistungen. Natürlich unterscheiden sich die technologischen Grundlagen fundamental. Kulturwissenschaftlich betrachtet ähneln sich die sozialen Funktionen jedoch erstaunlich stark: In beiden Fällen wird versucht, die Grenze zwischen Abwesenheit und Präsenz zu überbrücken und Kommunikation mit den Verstorbenen erfahrbar zu machen.
Vor diesem Hintergrund erscheint die gegenwärtige Debatte um digitale Unsterblichkeit in einem anderen Licht. Weder die Sehnsucht eines Weiterlebens nach dem Tod noch das Bedürfnis, mit Verstorbenen in Beziehung zu bleiben oder gar mit ihnen zu kommunizieren, sind kulturell neu. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob hier etwas völlig Neues entsteht, sondern was gegenwärtige Digital-Afterlife-Technologien tatsächlich von früheren Endlichkeitsvorstellungen sowie von historischen Praktiken des Erinnerns, Gedenkens und der Kommunikation mit Verstorbenen unterscheidet. Im Folgenden richte ich daher den Blick auf drei Beobachtungen, an denen sich diese nuancierten Verschiebungen besonders deutlich ablesen lassen.
Jenseits der Kontinuitäten: Neue Formen einer alten Sehnsucht
Von der Erinnerung zur alltäglichen Interaktion
Eine zentrale Veränderung liegt in der spezifischen Form medialer Präsenz, die diese Technologien hervorbringen. Während frühere Erinnerungsmedien überwiegend konservierend funktionierten – Fotografien, Briefe, Videos oder Tonaufnahmen speicherten Spuren der Vergangenheit –, erzeugen generative KI-Systeme erstmals den Eindruck einer fortlaufenden Gegenwart. Die Toten antworten scheinbar in Echtzeit, entwickeln neue Aussagen, simulieren Persönlichkeit und Gesprächsverläufe. Verstorbene treten dadurch nicht mehr nur als Gegenstand der Erinnerung, sondern als sozial wirksame Beziehungspartner: innen in Erscheinung.
Zwar finden sich wie oben skizziert bereits im Spiritismus interaktive Elemente, doch die Erfahrung unterscheidet sich grundlegend. So bleibt spiritistische Kommunikation im Gegensatz zu heutigen KI-Systeme an spezifische Situationen und Glaubenskontexte gebunden. Sie ist ritualisiert, ereignishaft und häufig mit dem Außergewöhnlichen oder Unheimlichen verbunden. Der Kontakt zu den Toten stellt damit keinen Bestandteil des Alltags dar, sondern markiert vielmehr einen besonderen Moment der Grenzüberschreitung zwischen den Welten der Lebenden und der Verstorbenen, häufig mit dem Ziel den Geist des Toten zu beruhigen oder den Kontakt nach der Klärung eines Anliegens wieder zu beenden, damit der Verstorbene seinen Platz in der Welt der Toten einnehmen kann (Saraiva 2025: 12). Generative KI-Systeme sind hingegen darauf angelegt, diese Form der postmortalen Kommunikation zu normalisieren. Sie machen sie jederzeit verfügbar und ermöglichen es, sie in den Alltag der Hinterbliebenen zu integrieren. Die eigentliche Neuerung liegt somit weniger in der Idee der Kommunikation mit den Toten als in ihrer potentiell alltäglichen, noch dazu stark personalisierbaren Simulation. Verstorbene erscheinen dadurch nicht nur als Gegenstand der Erinnerung, sondern als scheinbar weiterhin ansprechbare und handlungsmächtige Beziehungspartner – etwa, wenn sie selbst das Gespräch eröffnen, indem sie über Messenger Fragen wie „Wie geht es dir heute?“ stellen, eine Funktion, die von einigen Anwendungen angeboten wird. Aus der retrospektiven Erinnerung wird damit eine interaktive Beziehung, die sich nicht allein auf Vergangenes bezieht, sondern einen gemeinsamen Zukunftshorizont simuliert.
Die Skalierung des Erinnerns
Die neue Qualität dieser Interaktion bleibt jedoch nicht auf Einzelfälle beschränkt. Durch digitale Infrastrukturen wird erstmals potenziell global, dauerhaft und massenhaft verfügbar, was früher lokal, familiär und sozial begrenzt war. Erinnerungen sind nicht mehr an einzelne Objekte, Orte oder Rituale gebunden, sondern werden in digitalen Infrastrukturen gespeichert, reproduziert und vernetzt. Hinzu kommt die enorme Menge personenbezogener Daten, die Menschen heute hinterlassen: Fotos, Videos, Sprachaufnahmen, Chatverläufe und Social-Media-Profile. Dadurch entstehen völlig neue Voraussetzungen für Formen digitalen Weiterlebens. Während Praktiken wie der Spiritismus tendenziell als Nischenphänomen einzuordnen sind, verfügen heutige Digital-Afterlife-Technologien über das Potenzial, breite Bevölkerungsschichten zu erreichen. Der Tod wird damit zunehmend Teil globaler Plattforminfrastrukturen. Wo postmortale Beziehungen technisch verfügbar und skalierbar werden, verändern sich jedoch nicht nur ihre Reichweite, sondern auch die Bedingungen ihrer ökonomischen Verwertung.
Plattformisierung und Ökonomisierung der Erinnerung
So liegt eine weitere Neuerung in der ökonomischen Einbettung dieser Technologien. Genau betrachtet lassen sich auch hier Parallelen zu kommerzialisierten spiritistischen Sitzungen ziehen. Denn auch in der Vergangenheit war die Kommunikation mit den Toten, wie oben bereits angedeutet, keineswegs frei von ökonomischen Interessen. Bereits spiritistische Séancen waren häufig kostenpflichtige Dienstleistungen. Menschen zahlten dafür, mit Verstorbenen kommunizieren zu können – so wie heute für Abonnements, digitale Memorialdienste oder die Erstellung von Deadbots bezahlt wird. Neu ist heute jedoch die Dimension dieser Ökonomie. Heutige Plattformen verfügen potenziell über Milliarden digitaler Nachlässe. So prognostizieren der Politikwissenschaftler Carl Öhman und der Statistiker David Watson, dass bis zum Jahr 2100 allein auf Facebook bis zu 4,9 Milliarden Profile Verstorbener existieren könnten (2019). Die Toten werden damit zu einer bislang ungekannten digitalen Ressource einer wachsenden Digital Afterlife Industry. Auch wenn belastbare Gesamtzahlen bislang fehlen, verdeutlichen Investitionen, Marktanalysen und statistische Prognosen das enorme wirtschaftliche Potenzial dieses Feldes (Öhman/Floridi 2017). Vormals metaphysische oder transzendentale Beziehungsformen – also Beziehungen zu dem, was als jenseitig oder unverfügbar galt – werden durch das Versprechen digital mediatisierter Unsterblichkeit somit nicht nur technologisch neu vermittelt, sondern zugleich in einem neuen Ausmaß kapitalistisch angeeignet und verwertet.
Alte Sehnsüchte, neue Verantwortung
Der Blick in die Kulturgeschichte zeigt: Weder die Sehnsucht nach einem Weiterleben über den Tod hinaus noch das Bedürfnis, mit Verstorbenen in Beziehung zu bleiben oder gar mit ihnen zu kommunizieren, sind ein Produkt digitaler Technologien. Sie ziehen sich durch Mythologien und Religionen, finden sich in Literatur und Popkultur wieder und prägen seit jeher die Praktiken des Erinnerns, Trauerns und Gedenkens. Digital mediatisierte Unsterblichkeit steht damit weniger für einen Bruch mit der Vergangenheit als für die Fortsetzung eines kulturhistorisch tief verankerten Motivs.
Neu sind vielmehr die Bedingungen, unter denen diese Sehnsucht heute vermittelt wird. Mit der Digital Afterlife Industry entstehen Technologien, die Erinnerung in Interaktion überführen, postmortale Beziehungen in den Alltag integrieren, sie global skalierbar machen und in digitale Plattformökonomien einbetten. Das heißt, aus Erinnerungsmedien werden Interaktionsmedien, aus individuellen Formen der Trauer datenbasierte Infrastrukturen und aus persönlichen Nachlässen potenziell ökonomisch verwertbare Ressourcen. Die kulturelle Frage nach dem Weiterleben wird damit untrennbar mit Fragen der Datenökonomie verknüpft.
Gerade daraus ergeben sich neue ethische Herausforderungen. Wem gehören die Daten Verstorbener? Wer entscheidet über ihre digitale Fortexistenz? Unter welchen Bedingungen dürfen Stimmen, Bilder oder Persönlichkeitsprofile weiter genutzt oder rekonstruiert werden? Gibt es ein Recht auf digitales Vergessenwerden? Wie lassen sich Datenmissbrauch, emotionale Abhängigkeiten und neue Formen algorithmischer Einflussnahme begrenzen? Inwiefern lassen sich besonders vulnerable Gruppen, etwa trauernde Kinder und Jugendliche, vor den Risiken schützen? Und welche Verantwortung tragen nicht zuletzt auch Unternehmen, wenn Erinnerung, Trauer und Sehnsucht zum Gegenstand datenbasierter Geschäftsmodelle werden? Diese Fragen lassen sich weder technisch noch allein rechtlich beantworten. Sie berühren grundlegende Vorstellungen von Würde, Autonomie und Fürsorge und bedürfen daher einer breiten soziokulturellen und gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung.
Die digitalen Toten sind theoretisch betrachtet also weniger als revolutionäre Überwindung des Todes einzuordnen, sondern eher als die technologische Radikalisierung eines uralten menschlichen Wunsches zu begreifen: die Endgültigkeit des Lebens und des Verlustes nicht akzeptieren zu müssen. Ob und inwiefern digitale Untote tatsächlich Teil unseres Alltags werden, inwiefern sie bestehende Narrative und Praktiken des placing the dead, sprich der kulturellen Verortung der Toten, nachhaltig verändern, bleibt eine in der Zukunft noch zu beantwortende Frage. Wie wir diese radikale technologische Entwicklung gesellschaftlich gestalten wollen, ist hingegen eine ethische3Einen zentralen Referenzpunkt stellt das Projekt edilife dar, das wichtige Grundlagen für die ethische Auseinandersetzung mit der Digital Afterlife Industry geschaffen und wesentliche Impulse für deren gesellschaftliche Gestaltung gesetzt hat (vgl. u.a. Ammicht Quinn et al. 2024; Heesen 2025). Daran gilt es empirisch anzuknüpfen und die ethische Debatte aus der Perspektive der Nutzer:innen weiterzudenken, deren Erfahrungen und alltägliche Praktiken bislang weitgehend unerforscht sind. und politische Herausforderung, die uns bereits heute zu Antworten drängen sollte. ■
Literatur
Ammicht Quinn, R. et al. (2024): Ethik, Recht und Sicherheit des digitalen Weiterlebens. Forschungsergebnisse und Gestaltungsvorschläge zum Umgang mit Avataren und Chatbots von Verstorbenen. Forschungsbericht, IZEW Universität Tübingen & SIT Darmstadt.
Bassett, Debra (2015): Who Wants to Live Forever? Living, Dying and Grieving in Our Digital Society. In: Social Sciences, 4(4), S. 1127–1139.
Bell, Jo/Bailey, Louis/Kennedy, David (2015): “We do it to keep him alive”: bereaved individuals‘ experiences of online suicide memorials and continuing bonds. In: Mortality 20/4, S. 375–389.
Bloch, Maurice (1971): Placing the Dead: Tombs, Ancestral Villages, and Kinship Organization in Madagascar. London: Seminar Press.
Christensen, Dorthe Refslund und Sumiala, Johanna (2024): Introducing the Special Issue Digital Death: Transforming Rituals, History, and the Afterlife. In: Social Sciences 13/7, S. 346. https://doi.org/10.3390/socsci13070346.
Heesen, Jessica (2025): Digitales Weiterleben – Eine ethische Betrachtung der Digital Afterlife. In: bidt (Hg.): Wissenslandkarte der digitalen Transformation. https://www.bidt.digital/phaenomene/digitales-weiterleben-eine-ethische-betrachtung-der-digital-afterlife-industrie/
Homer (2002): Odyssee (übers. von J. H. Voß). München: dtv (Originalwerk erschienen ca. 720 v. Chr.).
Hustvedt, Siri (2026): Ghost Stories. A Memoir. New York: Simon & Schuster.
Meyer, Silke (2020): Narrativität. In: Timo Heimerdinger, Markus Tauschek (Hg.): Kulturtheoretisch argumentieren. Ein Arbeitsbuch. (utb 5450). Münster u. a./Stuttgart: Waxmann und UTB 2020. S. 294–322.
Nowaczyk-Basińska, Katarzyna und Paula Kiel (2024): Exploring the Immortological Imagination: Advocating for a Sociology of Immortality. In: Social Sciences 13: 83.
Öhman, Carl und Floridi, Luciano (2017): The Political Economy of Death in the Age of Information: A Critical Approach to the Digital Afterlife Industry. In: Minds and Machines 27/4, S. 639–662.
Öhman, Carl J. und Watson, David (2019): Are the Dead Taking over Facebook? A Big Data Approach to the Future of Death Online. In: Big Data & Society 6/1. https://doi.org/10.1177/2053951719842540.
Saraiva, Clara (2025): When Death Meets AI: Engaging in New DeathWays in Portugal. In: Religions 16: 488. https://doi.org/10.3390/rel16040488.
Shelley, Mary (2013): Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Hrsg. von Alexander Pechmann. München: dtv.
Sisto, Davide (2020): Online Afterlives: Immortality, Memory, and Grief in Digital Culture. Cambridge: MIT Press.
Zitiervorschlag
Rau, Alexandra (2026): Digital Immortality? Zur technologischen Radikalisierung einer alten Sehnsucht. In: Verantwortungsblog. https://zevedi.de/digital-immortality-zur-technologischen-radikalisierung-einer-alten-sehnsucht/ [03.09.2026]. https://doi.org/10.60805/asvx-n757.
PDF dieses Blogbeitrags- 1
- 2Die Digital Afterlife Industry entwickelt sich derzeit äußerst dynamisch. So wurde das ursprünglich auf digitale Nachlebenstechnologien spezialisierte Unternehmen Eternos AI Ende 2025 unter dem Namen Uare.ai strategisch neu ausgerichtet und fokussiert sich seither auf KI-gestützte digitale Zwillinge lebender Personen. ↩︎
- 3Einen zentralen Referenzpunkt stellt das Projekt edilife dar, das wichtige Grundlagen für die ethische Auseinandersetzung mit der Digital Afterlife Industry geschaffen und wesentliche Impulse für deren gesellschaftliche Gestaltung gesetzt hat (vgl. u.a. Ammicht Quinn et al. 2024; Heesen 2025). Daran gilt es empirisch anzuknüpfen und die ethische Debatte aus der Perspektive der Nutzer:innen weiterzudenken, deren Erfahrungen und alltägliche Praktiken bislang weitgehend unerforscht sind. ↩︎




