Wirtschaft ohne Werte? Warum ökonomische Bildung moralische Orientierung braucht
Ein Beitrag von Nurettin Yigit
24. Juli 2026
Ökonomische Bildung ist wichtig und sie soll früh beginnen, bereits in der Schule – diese Forderung ist oft zu hören. Doch wie soll diese Bildung (in Zeiten der Digitalisierung) aussehen? Welche Inhalte soll sie umfassen? Geht es nur um Wissen oder auch um Handlungs- und Urteilsfähigkeit? Welche Rolle können oder müssen ethische Überlegungen spielen? Nurettin Yigit stellt einen möglichen Ansatz vor: das Bildungsprogramm Wirtschafts.Forscher!

„Wenn wir das so machen, verdienen wir zwar mehr Geld – aber irgendjemand anderes zahlt dafür den Preis.“ Dieser Satz stammt nicht aus einer wirtschaftsethischen Fachpublikation, sondern von einer Neuntklässlerin während eines Schulworkshops im BildungsprogrammWirtschafts.Forscher!.
Bemerkenswert war weniger die Aussage selbst als die Selbstverständlichkeit, mit der sie getroffen wurde. Ohne moralische Überhöhung, ohne belehrenden Ton. Stattdessen eine klare Einsicht: Wirtschaftliche Entscheidungen sind immer auch Werteentscheidungen.
Das Programm wurde von der PwC‑Stiftung gemeinsam mit dem Institut für Ökonomische Bildung (IÖB) Oldenburg und weiteren Partnern initiiert, weil ökonomische Bildung heute nicht mehr ohne eine ethische Dimension gedacht werden kann. Im Folgenden soll das begründet und aufgezeigt worden, welche Konsequenzen wir für das Programm Wirtschafts.Forscher! gezogen haben.
Wirtschaft ist allgegenwärtig – Orientierung oft nicht
Wirtschaft prägt den Alltag junger Menschen heute früher, direkter und umfassender als noch vor wenigen Jahren. Fragen nach Ausbildung, Einkommen, Konsum, Nachhaltigkeit oder technologischer Entwicklung begleiten sie von klein auf. Gleichzeitig erleben viele Schülerinnen und Schüler wirtschaftliche Themen im Unterricht als abstrakt, technokratisch oder losgelöst von ihrer Lebenswelt.
Ökonomische Bildung reduziert sich dabei häufig auf Funktionslogiken: Märkte, Kennzahlen, Effizienz. Das ist wichtig – aber nicht ausreichend. Denn wirtschaftliches Handeln vollzieht sich nie im luftleeren Raum. Es betrifft Menschen, Ressourcen, Lebensentwürfe und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Ökonomische Bildung ist nie wertneutral
Gerade in Zeiten wachsender Unsicherheit, steigenden ökonomischen Drucks und beschleunigter Digitalisierung wird deutlich: Wer Wirtschaft ohne Werte vermittelt, überlässt jungen Menschen die Auseinandersetzung mit zentralen Zielkonflikten ohne Orientierung.
- Soll wirtschaftlicher Erfolg um jeden Preis angestrebt werden?
- Wie lassen sich Effizienz und Fairness miteinander vereinbaren?
- Welche Verantwortung tragen Unternehmen, Konsumentinnen und Konsumenten – und letztlich jede und jeder Einzelne?
Diese Fragen lassen sich nicht mit Rechenmodellen beantworten. Sie verlangen Urteilsfähigkeit, Reflexion und die Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten.
Der Druck steigt – die Orientierung kommt nicht automatisch
Viele junge Menschen wachsen heute in einer Welt auf, die ihnen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten eröffnet, zugleich aber mit hohen Erwartungen konfrontiert. Sie sollen flexibel, leistungsfähig und anpassungsbereit sein – und gleichzeitig verantwortungsvoll handeln. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verschärfen diese Spannung zusätzlich: Entscheidungen werden schneller, komplexer und folgen oft schwer nachvollziehbaren Logiken.
Was heißt das konkret im Schulalltag? Im Wi.Fo!-Lab bearbeiten die Jugendlichen Digitalisierungs‑ und KI‑bezogene Zielkonflikte an realitätsnahen Fallbeispielen – u. a. in Modulen wie „Eure Daten – mein Geschäft? – Datenhandel im digitalen Zeitalter, „Algorithmen vs. Gewissen!“, „Macht die Digitalisierung die Welt gerechter?“ sowie „Globale Märkte – Lokale Regeln“.
Daraus ergeben sich Fragen, die Jugendliche unmittelbar betreffen: Welche Rechte sollten Menschen an ihren Daten haben? Wie behalten wir die Kontrolle über Entscheidungen in einer Welt, die von Algorithmen mitgeprägt wird? Und wer profitiert von der digitalen Transformation – und wer bleibt außen vor?
Einen weiteren Zugang bietet die Auseinandersetzung mit der Beeinflussung in digitalen Räumen (dabei geht es z. B. um Themen wie Geschäftsmodelle, Social‑Media‑Marketing/Influencer, Konsumentensouveränität, Meldesysteme) sowie mit der Frage, welche ethischen Regeln neue KI‑Technologien brauchen.
In dieser Gemengelage reicht es nicht aus, wirtschaftliche Zusammenhänge lediglich zu erklären. Es braucht Lernräume, in denen Abwägung, Perspektivwechsel und verantwortliches Entscheiden eingeübt werden können. Den Schulen kommt dabei eine zentrale Rolle zu.

Wirtschaft lernen heißt, Verantwortung lernen
Als Leiter einer Bildungsstiftung erlebe ich immer wieder: Ökonomische Bildung entfaltet ihre Wirkung dort, wo sie junge Menschen befähigt, Fragen zu stellen – nicht nur Antworten wiederzugeben.
- Was ist mir wichtig?
- Welche Folgen hat mein Handeln für andere?
- Welche Interessen stehen sich gegenüber – und wie lassen sie sich begründet abwägen?
Zeitgemäße wirtschaftliche Bildung zielt nicht auf die „richtige“ Lösung, sondern auf die Fähigkeit, Entscheidungen reflektiert zu treffen und Verantwortung für sie zu übernehmen.
Ökonomische Bildung als Denk‑ und Erfahrungsraum
Vor diesem Hintergrund wurde das Bildungsprogramm Wirtschafts.Forscher! entwickelt. Es richtet sich an Schülerinnen und Schüler sowie ihre Lehrkräfte der Sekundarstufe I aller allgemeinbildenden Schulen deutschlandweit – eine Phase, in der sich Werthaltungen, Zukunftsvorstellungen und berufliche Orientierung besonders stark herausbilden.
Inhaltlich geht es um Fragen, die Jugendliche unmittelbar betreffen und zugleich gesellschaftlich hoch relevant sind: Welche Verantwortung tragen Unternehmen? Was heißt „fair“, wenn Ressourcen knapp sind? Wie verändert Digitalisierung wirtschaftliches Handeln – und welche neuen Zielkonflikte entstehen daraus? Diese Fragen werden nicht in Form fertiger Antworten vermittelt, sondern als Ausgangspunkt einer problemorientierten, mehrperspektivischen Auseinandersetzung genutzt.
Das digitale Wi.Fo!-Lab bildet dabei den virtuellen Lernraum: mit Materialien, Impulsen und Formaten, die selbstgesteuertes Lernen unterstützen und Reflexion ermöglichen. Entscheidend ist jedoch: Das Programm denkt die Lehrkraft nicht als „Durchreicher“ von Content, sondern als professionelle Begleitung von Urteilsbildungsprozessen – unterstützt durch Qualifizierung, Austausch und fachliche Begleitung.
Wie das in der Praxis aussieht, sieht man anhand folgenden Beispiels: In einem Projektformat zum Thema „Geschäftsmodell Social Media“ haben Jugendliche des Jakob-Fugger-Gymnasiums aus Augsburg die Frage untersucht, wie sich wirtschaftlichen Interessen (u.a. Profit, Reichweite, Markenbildung) und ethischen Prinzipien (u.a. Transparenz, Verantwortung, Fairness) auf Plattformen zueinander verhalten. Als Ergebnis entstand ein interaktives Spiel namens „Moral Market“, in dem Teams typische Entscheidungssituationen aus Social Media nachbilden und begründen mussten: Welche Inhalte werden gepusht und warum? Wo beginnt Manipulation, wo endet Verantwortung? Die Schülerinnen recherchierten Beispiele, formulierten Regeln und Zielkonflikte und übersetzen diese in Spielmechaniken. Die Lehrkraft agierte dabei als Lernbegleitung: Sie strukturierte den Prozess, fragte nach Belegen, moderierte Perspektivwechsel und half, vorschnelle „richtig/falsch“-Urteile in begründete Abwägungen zu überführen.

So wird ökonomische Bildung zu dem, was sie im Kern sein sollte: ein Beitrag zur Urteils‑ und Handlungsfähigkeit junger Menschen – und damit zur demokratischen, verantwortungsbewussten Teilhabe in Wirtschaft und Gesellschaft.
Bildung braucht einen Kompass
In einer Welt voller Möglichkeiten erleben viele junge Menschen Bildung als einen Weg ohne Kompass. Ökonomische Bildung kann – richtig verstanden – ein solcher Kompass sein. Sie hilft, Zusammenhänge zu erkennen, Entscheidungen einzuordnen und Verantwortung bewusst zu übernehmen. Gerade deshalb dürfen Wirtschaft und Ethik im Bildungsdiskurs nicht länger getrennt behandelt werden. Ökonomische Bildung ohne Werte bleibt blind. Werte ohne ökonomisches Verständnis bleiben wirkungslos.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob junge Menschen wirtschaftliche Entscheidungen treffen werden. Das tun sie längst als Konsumentinnen, als Arbeitnehmer, als Unternehmerinnen, als Bürger einer demokratischen Gesellschaft. Die eigentliche Frage ist, ob wir sie dabei alleinlassen oder ihnen die Fähigkeit zur verantwortungsvollen Orientierung mitgeben. Bildung, die Wirtschaft und Ethik zusammendenkt, ist kein Luxus. Sie ist eine notwendige Investition in die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.
Zitiervorschlag
Yigit, Nurettin (2026): Wirtschaft ohne Werte? Warum ökonomische Bildung moralische Orientierung braucht. In: eFin-Blog. https://zevedi.de/efinblog-wirtschaft-ohne-werte-warum-oekonomische-bildung-moralische-orientierung-braucht/ [24.07.2026]. https://doi.org/10.83253/bqvq-t030.
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