Im Schatten der Kunst: Die Auswirkungen der KI-Debatte auf Autor:innenschaft in der Wissenschaft
Warum ist es um die Autor:innenrechte in der Wissenschaft nach wie vor still, während generative KI-Modelle immer weiter ungefragt und von allen Diskussionen unbehelligt gerade die mühsam erarbeiteten Ergebnisse aus der Wissenschaft verstoffwechseln? Es hat auch mit einem eigenwilligen Verständnis von Autor:innenschaft zu tun, das in der Wissenschaft dominiert, meint die Philosophin Hannah Wallenfels. Das müsse sich schleunigst ändern.
Von Hannah Wallenfels | 17.03.2026

Wenn heute über Autor:innenrechte und Künstliche Intelligenz gesprochen wird, geht es fast immer um Kreativwirtschaft oder um Kunst: Um Bilder, Musik, Romane, Videos – und natürlich um den Vorwurf des Diebstahls. Künstler:innen protestieren dagegen, dass ihre Werke ohne Einwilligung als Trainingsdaten genutzt werden, Musiker:innen wehren sich gegen das Extrahieren von Klang, Melodien, Rhythmen und/oder Stimme und Schriftsteller:innen stellen irritiert fest, dass ihre Bücher gescrapt und als frei verfügbares Rohmaterial genutzt werden.
Während viele dieser Kunstschaffenden KI selbst als Arbeitsinstrument einsetzen, werden ihre Werke zugleich in großem Umfang ohne Einwilligung für das Training generativer Systeme genutzt. Die Proteste sind daher berechtigt und haben inzwischen rechtliche wie mediale Resonanz gefunden. So musste OpenAI im Streit um Liedtexte eine Niederlage gegen die GEMA hinnehmen1, und auch das Landgericht München I bestätigte eine Urheberrechtsverletzung – ein deutliches Signal, dass es so einfach mit „öffentlichem“ Material dann doch nicht ist.
Wen kümmert’s, wer spricht?
Weitgehend unbeachtet bleibt jedoch die Frage der Autor:innenrechte in der Wissenschaft. Das ist umso verwunderlicher, wo doch gerade hier Texte in besonders großem Umfang produziert werden. Wissenschaftliche Texte richten sich über Jahre hinweg oft weniger an tatsächliche Leser:innen als an eine mögliche implizite und häufig auch abstrakt bleibende Öffentlichkeit. Dabei werden wissenschaftliche Artikel, Studien, Monografien oder Sammelbände – häufig aus öffentlichen Mitteln finanziert – oft Open Access publiziert und gehören damit zu den bevorzugten Trainingsressourcen generativer Sprachmodelle. Und auch Texte, die überhaupt nie im Open Access veröffentlicht wurden, werden, wie der Fall Meta nahelegt, in großem Umfang widerrechtlich zum Training kommerzieller KI-Systeme herangezogen. Zwar ist hier wohl selbst den Mitarbeitenden bewusst, dass eine Lizenz notwendig wäre, das wurde aber wohl für zu aufwendig oder zu teuer befunden (Reisner, 2025).
Die bisher eher geringe mediale Aufmerksamkeit lässt es so wirken, als würde die Frage nach Autor:innenschaft und Urheberrechten im Feld der Wissenschaft kaum problematisiert.2 Doch worin besteht der kategoriale Unterschied zwischen einem Songtext und einem wissenschaftlichen Artikel? Ein möglicher Aspekt mag die hartnäckige Kopplung von Urheberrecht an eine bestimmte Vorstellung von Kreativität und Genie sein: Die Idee eines schöpferischen Individuums, dessen Werk Ausdruck seiner Originalität ist, ist in der Kunst schließlich besonders verbreitet.
Das gilt im Grunde allerdings für die Wissenschaft ebenso: Auch hier gilt der etymologischen Herkunft nach der lateinische auctor als der wahre Urheber, die Quelle einer Sache oder einer Handlung, möglicherweise eines Gedankens. Die Idee von Autor:innenschaft transportiert über ein Gefühl der Zugehörigkeit hinaus ein Gefühl des Eigentums, in den Wissenschaften vielleicht eher eine Vorstellung von Autorität und Anerkennung.3 Genau diese Autoritätsfunktion wurde in den Geisteswissenschaften häufig befragt. Auf sie bezieht sich Michel Foucault, wenn er seinen Text Was ist ein Autor? mit einem Zitat von Samuel Beckett beginnt: „Wen kümmert’s, wer spricht?“ (1969: 217). Sie ist es auch, die Roland Barthes mit Der Tod des Autors inszeniert und beerdigt: Abgesang auf eine Figur, die lange als Garant des Sinns galt. Gleichwohl erweist sich die Figur des Autors als bemerkenswert untot und resistent gegenüber ihrer theoretischen Dekonstruktion.
Der Geniebegriff oder die Vorstellung einer originellen Leistung ist in der Wissenschaft dennoch nicht weniger präsent und keineswegs irrelevant. Das zeigt sich in der häufigsten Erscheinungsform benannter Autor:innenschaft: der Bezugnahme auf eine:n Autor:in, vorzugsweise eine:n tote:n, möglichst berühmte:n, geprägt von einer langen individualistischen Tradition. Einzelne Denker:innen werden dabei mit spezifischen Perspektiven, Denkschulen oder Strömungen identifiziert; ganze Ismen sind an Eigennamen gebunden. Zugleich scheint diese Logik auch dort auf, wo Autor:innenschaft nicht primär als Identität, sondern als funktionale Zuschreibung verstanden wird, etwa um Verantwortung zuzuweisen, zu begrenzen oder zu übernehmen. Dies gilt sowohl für traditionell individualistisch geprägte Disziplinen wie die Philosophie, in der die durchschnittliche Zahl der Autor:innen pro Publikation weiterhin nahe bei eins liegt,4 als auch für die Naturwissenschaften, in denen Ko-Autor:innenschaft nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist, und zunehmend bei naturwissenschaftlichen Publikationen von teils hunderten, gar tausenden Autor:innen veröffentlicht wird (vgl. Sijp, 2018).
Wie in der Kunst fungiert der Autor:innenname auch in den Wissenschaften als Teil einer Anerkennungsinfrastruktur. Der Name auf dem Buchrücken, auf Titelseiten, in Publikationslisten, oder hoch gerankt in Zitationsindexen entscheidet allzu häufig über Stellen oder Förderungen, mitunter auch über das Verbleiben im System (vgl. Liboiron/ Li 2022). Dennoch unterscheidet sich der Wissenschaftsbetrieb vom Kunstbetrieb; denn kaum jemand schreibt einen wissenschaftlichen Text in der Hoffnung auf das große Geld. Autor:innenschaft fungiert hier weniger als Einkommensquelle, und da ein großer Teil wissenschaftlicher Forschung durch öffentliche Gelder finanziert ist, auch berechtigterweise. Es ist selten der Fall, dass einer Wissenschaftlerin nennenswerte Tantieme verloren gingen, anders als einem Musiker, dessen Lied gespielt wird oder weiterverarbeitet wird, ohne dass dies durch entsprechende Zahlungen an ihn oder eine Verwertungsgesellschaft legitimiert wäre. Das macht den Vorgang, dass wissenschaftliche Texte in großem Umfang in KI-Systeme eingehen, aber keineswegs unproblematisch.
Nicht nur kränkt es die wissenschaftliche Autor:in ebenso wie die Künstler:in, wenn ihr Name nicht mehr als solcher sichtbar ist. Dies ließe sich aber immerhin noch genauso gut als problematisch wie als progressiv lesen. Wäre es nicht wünschenswert, wenn es tatsächlich niemanden mehr kümmern würde, wer spricht? Mit dieser großen Geste der Unkenntlichmachung wird jedoch weder ein problematisches System außer Kraft gesetzt, noch werden häufig kolonial oder patriarchal geprägte Anerkennungsnetzwerke tatsächlich unterlaufen. Vielmehr betrifft eine solche Unsichtbarkeit privilegierte Positionen, in denen Autorität ohnehin kaum infrage gestellt wird, weit weniger als jene, die noch um Anerkennung kämpfen oder deren Wissen und Forschungsergebnisse ohne Namensnennung zirkulieren. Was hier auf dem Spiel steht, wenn Wissen ohne Rückbindung an Namen, Kontexte und Verantwortlichkeiten zirkuliert, sind nicht Tantiemen, sondern Zuschreibungen; nicht Besitz, sondern Beziehung, Anerkennung und Verantwortung. Denn wer ein Forschungsergebnis veröffentlicht, übernimmt Verantwortung für dessen Inhalt. Im wissenschaftlichen Kontext ist Verantwortung dabei keine bloß rhetorische Figur, sondern institutionell und normativ hoch aufgeladen: Neben korrektem wissenschaftlichem Verhalten – insbesondere im Hinblick auf Zitationen – umfasst sie auch Verantwortung für die verwendeten Daten und Methoden, die Einhaltung forschungsethischer Grundsätze etwa bei Tier- oder Menschenversuchen, in der Gentechnik, bei Forschung zu Rüstungszwecken oder im Umgang mit persönlichen Daten, sowie für die Einbeziehung Betroffener und die möglichen gesellschaftlichen Auswirkungen der Forschung.
Ohne ein klar zuweisbares Subjekt ist die Einforderung wissenschaftlicher Grundsätze und forschungsethischer Standards kaum möglich. Für Forschende ist das häufig bitter und geht aktuell mit kaum aufzulösenden Spannungen einher, wie im Kontext von Open Science besonders deutlich wird. Die Idee, Forschungsergebnisse frei zugänglich zu machen, ist getragen von dem Wunsch nach Transparenz sowie von der Förderung der Wiederverwendung und Weiterverbreitung aller Ergebnisse, Daten und Methoden nach bestimmten forschungsethischen Maßgaben. Damit unterstützen Open-Science-Praktiken bessere Qualitätssicherung und Überprüfbarkeit. Zugleich richten sie sich aber explizit gegen Abschottung und Paywalls, gegen Monopolstellung oder Ausbeutung durch Verlage oder Konzerne, die von Forschung profitieren, die sie nicht selbst erbringen, sondern sich aneignen. Umso absurder, dass aus diesem eigentlich emanzipatorischen Anspruch heraus folgt, dass offen zugängliche Forschungsergebnisse – zumindest solange Verträge nicht angepasst und unfairer Nutzung nicht konsequent nachgegangen wird – derzeit nahezu bedenkenlos zur Profitsteigerung privater Großkonzerne herangezogen werden können.
Wer oder was schreibt?
In dieser Konstellation verschärfen Texte, die von oder mit LLMs produziert werden, eine bereits bestehende Spannung. Sie machen in gewissem Sinne sichtbar, was immer schon galt: dass Wissen sozial produziert, aber ungleich genutzt wird. Es lohnt sich, daran zu erinnern, dass es eine Art Ökologie des Schreibens gibt. Texte entstanden nie und entstehen auch immer noch nicht aus dem Nichts. Sie sind Knotenpunkte in Netzen aus Vorarbeiten, Gesprächen, institutionellen Rahmen, Care-Arbeit, technischen Infrastrukturen. Autor:innenschaft markiert in dieser Ökologie keinen souveränen Ursprung, sondern eine Position der Verantwortung und der Sichtbarkeit. Genau diese Position droht unter KI-Bedingungen unscharf zu werden – nicht, weil Schreiben plötzlich kollektiv würde, sondern weil Kollektivität asymmetrisch organisiert ist.
Zusätzlich wird durch KI noch konsequenter verschleiert, wer von dieser Produktion profitiert. Demokratisiert wird hierdurch weder das mögliche Einkommen noch die Verantwortung oder die Autorität. Letztere verlagert sich vielmehr von Personen zu Plattformen und Modellen, denen wir glauben, die aber gleichzeitig für Fehler oder Verzerrungen kaum haftbar gemacht werden können.
Auch wenn die Rede von Krisen als Chancen abgenutzt erscheint, zwingt die gegenwärtige Situation tatsächlich zu einer Neubestimmung von Autor:innenschaft und Verantwortung. Denn wenn vielfältige menschliche und nicht-menschliche Akteur:innen – Daten, Plattformen, Institutionen – unsichtbar mitwirken und gewissermaßen an einem Text mitschreiben, wird die Frage nach Urheber:innenschaft und Verantwortung unausweichlich. Wer trägt sie? Und wofür? Und wer darf entscheiden, wie öffentliches Wissen in technische Systeme eingeht, unter welchen Bedingungen und zu wessen Nutzen? Die eigentliche Herausforderung kann hier nicht darin liegen, Autor:innenschaft zu verteidigen, als wäre sie ein naturgegebenes Recht. Sie liegt darin, sie neu zu politisieren. Nicht als Eigentumstitel, sondern als Praxis der Zuschreibung und Verantwortungsübernahme. Vielleicht auch endlich einmal nicht als Geniekult, sondern als kollektivere Infrastruktur der Anerkennung. Die immer wieder totgesagte Autor:in bräuchte endlich wieder einmal eine neue Gestalt. ■
Anmerkungen
- Siehe bspw. die Pressemeldung der GEMA, die das Urteil als Grundsatzurteil für alle Kreativen feiert (GEMA, 2025). ↩︎
- Wobei über das „Schreiben“ mit KI sowie über damit verbundene Fragen der Autor*innenschaft im wissenschaftlichen Kontext natürlich andauernd und intensiv diskutiert wird – sowohl im Hinblick auf die eigene wissenschaftliche Praxis als auch, in noch stärkerem Maße, im Zusammenhang mit Prüfungsformaten, Begutachtungsverfahren und Peer-Review-Prozessen. Deutlich seltener werden diese Debatten jedoch unter der Perspektive der Wahrung von Autor*innenrechten geführt. ↩︎
- Vielleicht jedoch eines, das für zu selbstverständlich genommen wurde und möglicherweise auch erklärt, warum in philosophischen Wörterbüchern und Enzyklopädien ,Autorität‘ ein viel beliebterer Begriff zu sein scheint als ,Autorschaft’, der häufig überhaupt nicht gelistet wird. Dieser und manche anderen hier ausgeführten Gedanken beruhen auf dem Prozess gemeinsamer Überlegungen, insbesondere während meines Fellowships am ZEVEDI sowie vielen Impulsen auch aus vorherigen Gesprächen in Restaurants, Wohnzimmern und einem Open-Source-Dokument. Teile der vorhergehenden Überlegungen finden sich darüber hinaus abgebildet in Gansen/Walliser/Wallenfels 2022. ↩︎
- Gleichzeitig gilt natürlich auch für die Philosophie, dass es zahlreiche Beispiele für kanonisierte Werke gibt, die Ergebnis von kollektiver oder kollaborativer Autor:innenschaft sind, wie es ebenso Werke gibt, bei denen die Frage der Autor:innenschaft umstritten oder uneindeutig ist. ↩︎
Literatur
Barthes, Roland (2000), „Der Tod des Autors“, in: Fotis Jannidis et al. (Hg.), Texte zur Theorie der Autorschaft, Stuttgart: Reclam, S. 185–193.
Gansen, Moritz, Walliser, Lilja, Wallenfels, Hannah (2022); „Authorship(s)“. In: The Philosopher, 110/4, S. 7–12.
Liboiron, Max; Li, Rui (2022) „Citational politics in tight places“. In: CLEAR, 02.03.2022, URL: https://civiclaboratory.nl/2022/03/02/citational-politics-in-tight-places/ [29.1.2026].
Reisner, Alex (2025), „The Unbelievable Scale of AI’s Pirated-Books Problem”, in: The Atlantic. https://www.theatlantic.com/technology/archive/2025/03/libgen-meta-openai/682093/) [29.1.2026].
Foucault, Michel (1988): „Was ist ein Autor“ [1969]. In: ders.: Schriften zur Literatur, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 7–31.
GEMA (2025): „Erstes KI-Grundsatzurteil in Europa: GEMA setzt sich gegen OpenAI durch“. https://www.gema.de/de/w/grundsatzurteil-gema-gegen-openai [29.1.2026].
Sijp, Wilhelm (2018), „Paper Authorship Goes Hyper“. In: Nature Index. https://www.nature.com/nature-index/news/paper-authorship-goes-hyper [29.1.2026].
Zitiervorschlag
Wallenfels, Hannah (2026): Im Schatten der Kunst: Die Auswirkungen auf Autor:innenschaft in der Wissenschaft. In: Verantwortungsblog. https://zevedi.de/im-schatten-der-kunst [17.03.2026]. https://doi.org/10.60805/vy8m-5w34.




