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Autor: Elias Adanu eFin-Blog Farbe: gelb

Afropolitans: Wie eine digitale Community zur souveränen Nation werden will

Afropolitans: Wie eine digitale Community zur souveränen Nation werden will

Ein Beitrag von Elias Adanu

18. Dezember 2025

Stellen Sie sich vor: Wir schreiben das Jahr 2030. Sie sind Afrikanerin oder Afrikaner. Sie leben irgendwo im Ausland, in Afrika, Europa, Nordamerika oder Asien. Sie besitzen einen digitalen Pass, der durch eine digitale Identität gesichert ist und shoppen online und offline mit Bitcoin oder Ethereum, besitzen digitales Eigentum in Form von NFTs und Ihr digitaler Pass ermöglicht Ihnen, ähnlich wie der US-amerikanische oder deutsche, weltweit einfachen Zugang. Und die Kryptowährungen befreien Sie von den Limitierungen, denen Ihre nationale Währung unterliegt. All diese Vorteile ermöglicht Ihnen Ihre Staatsbürgerschaft in einer souveränen, digitalen Nation die mächtiger ist als das afrikanische Land ihrer Herkunft. Was noch? Es gibt eine Super-App, über die Sie auf deren Dienste zugreifen können, darunter speziell kuratierte professionelle Networking-Ressourcen für Menschen wie Sie, Angehörige der afrikanischen Diaspora aus der oberen Mittelschicht.

Eine von Code überzogener Umriss des afrikanischen Kontinents
Erstellt mit Adobe Firefly.

Dies ist die Zukunft, die Afropolitan Network verkauft. Jahrlang hatte es in Kalifornien Wochenend-Mixer und kulturelle Veranstaltungen für junge afrikanische Fachkräfte ausgerichtet. 2022 positionierte sich die von Silicon Valley-affinen afrikanischen Unternehmer:innen gegründete, professionelle Networking-Organisation mit der kühnen Mission neu, eine digitale Afropolitan Nation aufzubauen. Dieses Rebranding surfte auf der Welle der rasanten Verbreitung von Kryptowährungen und NFTs in den ersten COVID-19-Jahren sowie der euphorischen Prognosen, Blockchain- und Web 3.0-Technologien seien die nächste Verheißung globalen Computings und neuen Wohlstands.

Es war die Zeit, als sich NFTs für Millionensummen verkauften und Menschen über Nacht zu Krypto-Millionären wurden. In diesem Klima des Optimismus begann Afropolitan Network seine Vision einer digitalen Nation in die Tat umzusetzen: 500 potenziellen Gründungsbürger:innen wurden Limited Access – Bürgerausweise verkauft. Diese anfängliche Begrenzung verlieh dem Projekt einen Hauch von Exklusivität, obwohl Afropolitan Network letztendlich Zugang für jeden versprach. Die als digitale Pässe vermarkteten Bürgerausweise wurden auf OpenSea, einem NFT-Marktplatz auf der Ethereum-Blockchain „geminted“ bzw. „geprägt”. Jeder dieser Pässe ging mit einem NFT-Avatar,  einem Kind mit einzigartigem Aussehen, einher. Die kindlichen Züge des NFT-Avatars wurden als visuelle Darstellung der Wiedergeburt Afrikas erklärt.

Zu diesem Zeitpunkt schien das Vertrauen in Kryptowährungen und NFTs als grundlegender Infrastruktur auf mindestens vier Annahmen zu beruhen: Erstens würden die Bürger:innen der neu geschaffenen digitalen Nation ein gesetzliches Zahlungsmittel benötigen, um Geschäfte in der digitalen Welt abzuwickeln. Monate zuvor, im Oktober 2021, hatte Mark Zuckerberg Metas Vision für ein Metaverse vorgestellt, in dem digitale Immobilien gekauft, kostenpflichtige Konferenzen organisiert und Communities aufgebaut und gepflegt werden könnten. Afropolitan Network könnte daraus geschlossen haben, dass eine funktionsfähige digitale Nation auch eine digitale Währung benötigen würde. Zweitens würde die Begeisterung für Kryptowährungen die Attraktivität der digitalen Nation für potenzielle Gründungsbürger:innen steigern:  durch die mit der Staatsbürgerschaft verbundenen NFTs hätten sie ein investierbares Asset und die Möglichkeit, einer exklusiven Gruppe anzugehören. Der gemeinsame Besitz von Afropolitan-NFTs würde wahrscheinlich Gemeinschaft stiften und ähnlich funktionieren wie teure Sportwagen oder exklusive Clubs, die Wohlhabende miteinander verbinden und zugleich von anderen abgrenzen. Drittens würden Kryptowährungen und NFTs die digitale Afropolitan Nation als fortschrittlich und technologisch versiert kennzeichnen– eine direkte Aufforderung an das Afrika, das Afropolitan Network zu reformieren beansprucht. Schließlich sollte die Blockchain als dezentrales öffentliches Register, auf dem NFTs und Kryptowährungen beruhen, etwaige Sicherheitsbedenken im Zusammenhang mit dem Kauf und Besitz von Afropolitan-NFTs zerstreuen. Die NFTs, die die Staatsbürgerschaft in der digitalen Nation garantierten, sollten damit sogar sicherer sein als staatliche Daten.

Diese Annahmen müssen überzeugt haben, denn alle Gründungsbürgerschaften waren kurz nach ihrem Launch bereits ausverkauft. Und Medienberichten zufolge sammelte Afropolitan Network zum Aufbau der digitalen Nation über zwei Millionen Dollar von Risikokapital-Anlegern ein.

Was sollte schon schiefgehen? Nun: Seit 2022 ist der NFT-Markt eingebrochen, der Blockchain-Optimismus auf realistischere Anwendungsfälle zusammengeschrumpft und obwohl in Kryptowährungen weiterhin investiert wird, haben sie ihren anfänglichen Glanz verloren. So brach beispielsweise FTX, eine der größten Krypto-Börsen, zusammen und ihr in Ungnade gefallener CEO, Sam Bankman-Fried, wurde inhaftiert. Auch die vom Afropolitan Network geprägten digitalen NFT-Pässe sind inzwischen so gut wie wertlos, auch wenn die Gründungsbürger:innen ihren Status beibehalten haben. Eindeutig geben Unsicherheiten hinsichtlich der NFT-, Blockchain- und Kryptowährungsmärkte Anlass zur Sorge, da der Erfolg von Afropolitan Network untrennbar mit dem Hype um die Zukunft dieser Technologien verbunden war. 

Trotzdem hat Afropolitan Network sein Angebot einer erfolgreichen digitalen Nation weiter verfeinert. Ihrem Manifest zufolge ist es ihr Ziel, „allen Afrikanern ein Leben in Fülle zu ermöglichen”. Dieses Leben im Überfluss soll durch die Zusammenführung „des Besten, was Afrika und die Diaspora in den Bereichen Kunst, Finanzen, Technologie, Gesundheit, Energie, Sport und Medien zu bieten haben” verwirklicht werden. Um diese Ziele zu erreichen, gibt es jetzt eine mobile App für speziell kuratierte Networking-Ressourcen und Veranstaltungen für Afrikaner:innen der oberen Mittelschicht in der Diaspora. Sie haben zudem eine Dating-App mit KI-gestützten Filter- und Matching-Funktionen herausgebracht und eine Plattform für privates Mentoring durch Expert:innen der afrikanischen Diaspora aus den Bereichen Kunst, Finanzen und Technologie gestartet. Außerdem gibt es einen wöchentlichen Podcast, der afrikanische Unternehmer:innen und Vordenker:innen vorstellt und wie sie Herausforderungen im Privat- und Geschäftsleben gemeistert haben. All dies soll dem Aufbau einer Community für Fachkräfte in der Diaspora dienen, die diese Vision einer transnationalen afrikanischen Community auf Basis von Web 3.0 teilen. 

Wer will eine digitale Nation?

Das Konzept einer digitalen Nation ist nicht neu. Man denke an Estland, das seit seinen „Prinzipien der estnischen Informationspolitik” von 1998 darauf hinarbeitet, seinen gesamten Behördenapparat digital zu betreiben. Est:innen können heute Steuern zahlen, heiraten und sich scheiden lassen, ein Unternehmen registrieren, Strafzettel bezahlen, Dokumente beglaubigen lassen und 100% aller Behördengänge online erledigen. Um ausländische Investitionen anzuziehen, gibt es auch eine E-Residency für Ausländer:innen, mit der sie Unternehmen registrieren und Dienstleistungen in Anspruch nehmen können, ohne in Estland physisch vor Ort zu sein. Oder denken Sie an die Einführung von Bitcoin als nationaler Währung in El Salvador zwischen 2021 und 2025, ein Projekt, das aufgrund der Volatilität von Bitcoin, geringer Akzeptanz und lückenhafter Aufklärung der Öffentlichkeit weitestgehend gescheitert ist. Oder Tuvalu, eine kleine Inselnation, die sich im Metaverse neu erschafft, um angesichts der Auslöschungsgefahr durch einen steigenden Meeresspiegel ihr Erbe zu bewahren. Darüber hinaus besteht weltweit moderates Interesse an solchen Experimenten. Nicht zuletzt, weil die Digitalisierung eines Landes Regierungen die Möglichkeit bietet, ihre Bürokratie zu modernisieren, Technologieunternehmen Profitmöglichkeiten bietet und öffentliche Dienstleistungen verspricht, die flexibler und reaktionsschneller werden.

Die digitale Afropolitan Nation ist jedoch einzigartig. Anders als Estland, El Salvador, Tuvalu oder andere Regierungen, deren digitale Strategie auf die Modernisierung bestehender Infrastrukturen abzielt, um Zugänglichkeit zu verbessern und Kosten zu senken, hat die digitale Afropolitan Nation das ehrgeizige Ziel, eine völlig neue, online-basierte souveräne Entität zu schaffen. Die Gründungsbürger:innen werden Berufstätige der afrikanischen Diaspora aus aller Welt sein, verbunden allein durch ihre gemeinsame afrikanische Herkunft und die geteilte Vision einer prosperierenden digitalen Nation. Anders als die meisten modernen souveränen Nationen, verfügt die von Afropolitan Network vorgeschlagene Nation nicht über ein klar definiertes Territorium, eine dauerhafte Bevölkerung mit einheitlicher Geschichte, eine gewählte Regierung, eine Verfassung und andere legitimierende Institutionen, auf denen eine souveräne Nation beruhen könnte. Und wie diese digitale Nation Souveränität und Legitimität für analoge geopolitische Beziehungen erhalten soll, ist unklar. Der ausgefallene Wunsch nach einer digitalen Nation ist hingegen allzu nachvollziehbar.

Denn im Rahmen der Unabhängigkeitsbestrebungen seit den 1950er Jahren hatten die Anführer der Unabhängigkeitsbewegungen ihren Bürger:innen große Versprechungen gemacht, was die Aussicht auf Selbstregierung angeht. Den Kolonialherren die Macht zu entreißen sei nur der erste Schritt. Die Wirtschaft wiederaufzubauen, ihre Gesellschaften zu restrukturieren, sich auf ihre eigenen Kulturen und Sprachen zurückzubesinnen sowie das Ansehen des Kontinents nach Jahrhunderten der Sklaverei und des Kolonialismus wiederherzustellen, seien die nächsten Schritte. Versprochen wurden freie, gerechte und prosperierende Gesellschaften. Doch Jahrzehnte später hat die Unabhängigkeit ihre Versprechen nicht erfüllt, aus Gründen, die zu erläutern den Rahmen sprengen würde, die aber von neokolonialer globaler Politik bis zu Führungsversagen reichen. Entsprechend ist in Afrika eine weit verbreitete Desillusionierung gegenüber dem Nationalstaat als Mittel zur Erreichung von Freiheit, gerechter Ressourcenverteilung, Gerechtigkeit und Wohlstand zu beobachten.

Entscheidend ist, dass Afrikaner:innen heute von der globalen Mobilität von Menschen, Finanzen und Ideen stärker ausgeschlossen sind als je zuvor. Sie müssen eine Unmenge an Dokumenten vorlegen und sich intensiven Kontrollen und entwürdigenden Prozeduren unterziehen, um Visa für Reisen außerhalb des Kontinents zu erhalten. Gängige transnationale Zahlungsplattformen wie Wise oder Revolut schränken afrikanische Nutzer:innen stark ein und schneiden sie damit effektiv von globalen Kapitalflüssen ab. Mit anderen Worten: Fast sieben Jahrzehnte nachdem Ghana als erstes afrikanisches Land seine Unabhängigkeit erlangt hat, hat sich in Bezug auf die Integration afrikanischer Länder in die Weltwirtschaft nur sehr wenig geändert.

Kein Wunder also, dass Afropolitan Network eine Chance sieht, Neuland zu betreten. Anstatt sich der verbreiteten Forderung nach besserer Governance auf dem Kontinent anzuschließen oder Euro-Amerika für sein fortgesetztes neokoloniales Wirken in Afrika zu tadeln, verfolgt das Afropolitan Network ein anderes Ziel: Es will eine digitale Community ins Leben rufen, die mit der Schlagkraft eines souveränen Staates ausgestattet ihre Interessen auf der globalen Bühne als geopolitisch gleichberechtigtes Gegenüber vertreten kann. Auf digitalem Weg soll das Image Afrikas neu gestaltet werden. Und in einer Zeit, in der globale Konzerne wie Meta und Apple über enorme Ressourcen verfügen und mehr Macht ausüben als die meisten Regierungen, erscheint die Idee einer mächtigen digitalen Nation vielleicht gar nicht so abwegig.

Die Sehnsucht nach etwas Besserem

Es ist leicht, die digitale Afropolitan Nation als elitäres und realitätsfernes Unterfangen abzutun, das die tatsächlichen Probleme ignoriert, mit denen Afrikaner:innen auf dem Kontinent und in der Diaspora konfrontiert sind. Das Konzept des „Afropolitanismus”, von dem sich der Name Afropolitan Network ableitet, sah sich ähnlicher Kritik ausgesetzt. Seit der Begriff vor zwei Jahrzehnten geprägt wurde, um zeitgenössische Formen afrikanischer Mobilität, Literatur und Kreativität zu beschreiben, wird der Afropolitanismus als elitär und ausgrenzend kritisiert. Skeptiker:innen behaupten zudem, der Afropolitanismus sei lediglich ein weiterer neoliberaler Marketingtrick von Big Business, um aus afrikanischer Kultur kommerziellen Mehrwert zu ziehen.

Völlig unbegründet sind diese Vorwürfe nicht. Schließlich war der Zugang zur Staatsbürgerschaft der digitalen Afropolitan Nation bei ihrer Gründung stark eingeschränkt: Es setzte den Erwerb eines NFT auf Ethereum voraus, das als Bürgerausweis dienen und den Zugang zu Ressourcen der digitalen Nation regeln würde. Hinzu kommt, dass viele der Gründungsafropolitans, die auf der Webseite aufgeführt sind, Führungspersönlichkeiten aus Technologie, Finanzen und Kunst sind, meist in Fortune 500-Unternehmen tätig, die eine Elite der afrikanischen Diaspora repräsentieren. Darüber hinaus werden andere Teile der digitalen Nation von Afropolitan Network bereits monetarisiert. Legacy, der KI-gestützte Dating-Service, kostet je nach gewähltem Tarif 22, 25 oder 49 Dollar pro Monat, während auf Convo, dem privaten Mentoring-Service, Mentor:innen zwischen 89 und 1040 Dollar Honorar für 15 Minuten verlangen. Ihr plattformübergreifender Podcast hat ebenfalls eine wachsende Abonnentenbasis und dürfte  zweifellos Sponsoren anziehen.

Aber der Ruch möglicher Profite und der Vorwurf des Elitismus reichen vielleicht nicht aus, um den Impuls abzutun, der diese Experimente antreibt: Die Sehnsucht nach etwas Besserem. Der zynische Blick auf das Projekt birgt die Gefahr, zu ignorieren, dass selbst die wohlhabendsten Afrikaner:innen in der Diaspora nicht vor den Hürden gefeit sind, die sich aus der marginalisierten Stellung des Kontinents in der Welt ergeben. Ausgestattet mit moderatem Wohlstand, einem kosmopolitischen Blick auf die Möglichkeiten, den eigenen Platz in der Welt zu behaupten, und dem Know-how zum Aufbau digitaler Plattformen scheinen die Gründer der digitalen Afropolitan Nation ernsthaft zu versuchen, jede technologische Welle zu nutzen, die das Potenzial hat, zunächst die afrikanische Diaspora und dann den Kontinent zu transformieren. Diese Vision begann mit digitaler Staatsbürgerschaft, NFTs als digitalem Identitätsnachweis und Kryptowährungen als Speicher für den Reichtum der Nation. Und auch wenn viele Fragen offenbleiben, ist weniger entscheidend, ob dieses Projekt scheitert oder gelingt. Vielmehr zählt, was der Weg selbst bewirkt: Er unterstreicht, dass jede Generation von Afrikaner:innen auf ihre eigene Weise versucht, ihr Recht auf Teilhabe an allen Sphären des menschlichen Lebens einzufordern.

Redaktionelle Notiz: Dieser Aufsatz ist ein Auszug aus Elias Adanus laufendem Buchprojekt über Afropolitan Performances in verschiedenen Medienräumen und fasst einige der Themen eines Kapitels zusammen. Für Fragen und Informationen zur Veröffentlichung des Buches kann der Autor unter eadanu@utep.edu erreicht werden.

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