Big-Tech-Stablecoins: Warum das Geld der Giganten unsere Souveränität bedroht
Ein Beitrag von Carolina Melches & Laura Gaißmaier
24. Juni 2026
Big-Tech-Konzerne wie Amazon oder Meta wollen eigene Stablecoins herausgeben. Damit gehen erhebliche Risiken für den Wettbewerb, die finanzielle Stabilität und für die monetäre Souveränität der EU einher. Die EU kann jedoch dagegen vorgehen: Mit einem Verbot von Big-Tech-Stablecoins und der Einführung des digitalen Euros kann die EU die Risiken eindämmen.

Mit der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus erfährt ein totgeglaubter Traum der Silicon-Valley-Oligarchen eine riskante Wiedergeburt: ihr eigenes privates Geld in Form von Stablecoins. Dank des neuen US-Stablecoin-Regelwerks GENIUS Act könnten Big-Tech-Unternehmen wie Amazon oder Meta (Mutterkonzern von Facebook) ihre Plattformen zukünftig rechtssicher mit eigenem digitalem Geld verzahnen. Ein Vorhaben, das vor wenigen Jahren noch als regulatorisches Tabu galt.
Doch die schiere Reichweite und potenzielle Größe der Big-Tech-Ökosysteme macht eigene Stablecoins von Tag eins an gefährlich und erschwert jede demokratische Kontrolle. Für die EU sind Big-Tech-Stablecoins ein erhebliches Risiko: Von geschlossenen Ökosystemen, die den Wettbewerb bedrohen, bis hin zur Schwächung der EZB-Geldpolitik.
Stablecoins: Das steckt dahinter
Derzeit existiert ein regelrechter Stablecoin-Hype. Es handelt sich dabei um digitale Vermögenswerte auf einer Blockchain, die versuchen, die Eigenschaften von Geld nachzubilden, indem sie ihren Wert meist 1:1 an eine staatliche Währung wie den Euro oder Dollar koppeln. Sie unterscheiden sich fundamental von volatilen Kryptowerten wie dem Bitcoin, da sie durch eine Reserve aus hochliquiden Werten (z. B. Staatsanleihen) zu 100 Prozent besichert sein sollen. Das Versprechen: Jeder Stablecoin kann jederzeit zum Nennwert zurückgetauscht werden.
Der Einfluss von Stablecoins übersteigt die vergleichsweise kleine Marktgröße bei Weitem.1DefiLlama: Stablecoins by Market Cap, zuletzt aufgerufen am 09.04.2026. Obwohl sie nach Marktkapitalisierung nur rund 13 Prozent des Kryptosektors ausmachen, überstieg das Transfervolumen im Jahr 2025 die Volumina von Visa und Mastercard zusammen.2Boaz Sobrado, 05.03.2026: Stablecoin Volume Just Crossed $33 Trillion. Now What? In: Forbes, zuletzt aufgerufen am 20.04.2026. Zu den wichtigsten Anwendungsbereichen von Stablecoins zählen die Liquidität im Kryptosektor selbst, grenzüberschreitende Rücküberweisungen von Migrant:innen (sogenannte Remittances),3Marion Laboure & Camilla Siazon, 2025: STABLECOINS: How the GENIUS Act Strengthens US Geopolitical Dominance, Deutsche Bank Research Institute, zuletzt abgerufen am 09.04.2026. aber auch illegale Geschäfte wie Geldwäsche oder Terrorismusfinanzierung.4Chainalysis, 2026: Crypto Crime Reaches Record High in 2025 as Nation-State Sanctions Evasion Moves On-Chain at Scale, zuletzt aufgerufen am 20.04.2026.
Stablecoins: Privates Geld
Um die Tragweite dieser Entwicklung zu verstehen, muss man Stablecoins in unser bestehendes Geldsystem einordnen. Wir unterscheiden grundsätzlich drei Formen von Geld:
- Öffentliches Geld: Dies ist Zentralbankgeld, wie unser Bargeld. Es ist zu 100 Prozent sicher, da eine Zentralbank nicht bankrottgehen kann.
- Geschäftsbankengeld (Giralgeld): Das Geld auf unseren Girokonten ist privates Geld der Geschäftsbanken, jedoch eng an die Zentralbank angebunden, streng reguliert und durch die staatliche Einlagensicherung geschützt.
- Rein privates Geld: Hierzu gehören Gutscheine, Prepaidkarten und Stablecoins. Sie sind Verbindlichkeiten privater Anbieter ohne Anbindung an die Zentralbank und ohne staatliche Absicherung. Geht der Herausgeber pleite, ist das Geld in der Regel verloren.
Damit jede Art von Geld ein gutes Tauschmittel ist, muss es einen stabilen Wert haben, sicher und universell akzeptiert sein. Bei Stablecoins sollen die Wertstabilität und Sicherheit allein durch die Vollbesicherung und das wirtschaftliche Vertrauen in das Unternehmen entstehen.
Bei der universellen Akzeptanz liegen Stablecoins weit zurück, bzw. verzeichnen vergleichsweise wenige Nutzer:innen. Der derzeit größte Stablecoin der Welt USDT besitzt einen Marktanteil von mehr als 60 Prozent des Stablecoin-Sektors und gerade mal ein Siebtel der Nutzerbasis des Big-Tech-Konzerns Meta.5DefiLlama: Stablecoins, zuletzt aufgerufen am 20.04.2026; Tether Limited, 2026: USD₮ Q4 2025 Market Report, zuletzt aufgerufen am 21.04.2026; Meta Platforms, 2026: Meta Earnings Report, zuletzt aufgerufen am 09.04.2026. Der Zugang zu ebendiesen Ökosystemen der Big-Tech-Konzerne mit Milliarden Nutzer:innen könnte die Akzeptanz aber entschieden vorantreiben und Stablecoins wie Big-Tech-Plattformen massiven Aufwind verleihen.
Der Ökosystemvorteil der Big-Tech-Plattformen
Warum sind gerade Amazon, Meta oder Apple so prädestiniert für die Herausgabe von privatem Geld? Ihr Erfolg beruht auf dem Ökosystem-Vorteil. Denn digitale Plattformen nutzen, genau wie Stablecoins, Netzwerkeffekte: Je mehr Nutzer:innen eine Plattform hat, desto attraktiver wird sie. Dieser Kreislauf generiert massenhaft Daten, die wiederum zur Optimierung der Plattform genutzt werden.
Big-Tech-Konzerne streben nach dem perfekten, geschlossenen Ökosystem. Sobald ein solcher Gigant eine kritische Masse erreicht, wird die Plattform zum Markt selbst. Schon heute erreichen Konzerne wie Meta mit ihren Diensten in der EU bereits weit mehr als die Hälfte der gesamten EU-Bevölkerung. Um die Nutzer:innen noch enger zu binden, setzen sie auf sogenannte „Ecosystem Binders“.
Ein eigener Stablecoin wäre das ultimative Bindeglied, das unterschiedliche Angebote wie Social Media, E-Commerce und Streaming nahtlos miteinander verweben könnte.
Big Tech trifft auf Stablecoins: Ein strategisches Instrument
Für die Plattform-Konzerne sind Stablecoins aus mehreren Gründen hochattraktiv:
- Kosteneinsparung: Durch die Umgehung traditioneller Banken und Kreditkartennetzwerke entfallen Transaktionsgebühren für Händler:innen von bis zu 3 Prozent.6Yuquan Li et al., 2026: SoK: Stablecoins in Retail Payments, zuletzt aufgerufen am 09.04.2026.
- Zinseinnahmen: Stablecoins selbst sind unverzinst. Die Reserven (z. B. Staatsanleihen) werfen jedoch Zinsen ab. Bei reinen Stablecoin-Anbietern wie Circle stellen die Zinseinnahmen aus der Reserve die Haupteinnahmequelle dar.7Ezechiel Copic, 2025: How new regulations could potentially impact the future of stablecoins, Visa Economic Empowerment Institute, zuletzt aufgerufen am 09.04.2026.
- Datenmacht: Zahlungsdaten sind die wertvollsten Verhaltensdaten überhaupt, sie erlauben tiefe Einblicke in die Privatsphäre und die Kreditwürdigkeit der Nutzer:innen.
Die entscheidende Wirkung der Stablecoins entfaltet sich jedoch im Effekt auf ihr Ökosystem. Ein hauseigener Stablecoin könnte direkt für E-Commerce, Social-Media-Zahlungen oder Werbebuchungen eingebaut werden. Die Zahlungsabwicklung wird vereinfacht und die Nutzer:innen an die Plattform gebunden. Wer den Coin nutzt, bleibt im Ökosystem.
Big-Tech-Ökosysteme profitieren also enorm von eigenen Stablecoins und Stablecoins von einem bestehenden Ökosystem.
Ein blinder Fleck unserer Krypto-Regeln
2023 verabschiedete die EU die Verordnung über Märkte für Kryptowerte (MiCA-Verordnung). Darin enthalten sind Auflagen zu Eigenkapital, Liquiditätsmanagement, Reserven und Stresstests. Für sogenannte signifikante Stablecoins, die sich durch eine bestimmte Anzahl an Nutzer:innen, einen gewissen Grad der Vernetzung oder andere Kriterien auszeichnen, gelten zusätzliche Pflichten.8MiCA-Verordnung, Art. 43 und 45. Diese klassischen Finanzaufsichtsthemen sind sehr wichtig zu adressieren.9Finance Watch, 2021: One born every minute: Striking the balance between promoting innovation and protecting citizens, zuletzt aufgerufen am 09.04.2026; sowie MiCA-Verordnung, Erwägungsgrund 6.
Doch die Verordnung übersieht den eigentlichen Wachstumsmotor von Big-Tech-Stablecoins, nämlich ihre Ökosysteme. Sie reguliert das Produkt Stablecoin, adressiert aber kaum das Ökosystem, in dem es sich bewegt. Die massiven Wettbewerbsvorteile durch bestehende Nutzerbasen in Milliardenhöhe, Quersubventionierungen aus großen Kapitalreserven und die Nutzung bestehender technologischer Infrastruktur und Kapazitäten werden von den aktuellen Regeln nur unzureichend erfasst.
Diese Lücke muss zügig geschlossen werden. Denn schon heute erfüllen Amazon und Alphabet (Google) die Vorgaben für eigene Stablecoins in der EU; das chinesische Big-Tech-Unternehmen Alipay erhielt sogar kürzlich eine MiCA-Zulassung zur Ausgabe von Stablecoins in der EU.10Commission de Surveillance du Secteur Financier, Luxembourg, eDesk, zuletzt aufgerufen am 09.04.2026; Kangkan Halder, 17.09.2025: CSSF grants Alipay EMT licence, paving way for euro stablecoin, in: Paperjam, zuletzt aufgerufen am 09.04.2026. Die resultierenden Risiken für die EU sind groß.
Ein erhebliches Risiko für fairen Wettbewerb, …
Durch ihre schiere Reichweite könnten Big-Tech-Konzerne wie Meta von heute auf morgen die Hälfte der EU-Bevölkerung erreichen, ohne neue Kund:innen werben zu müssen.11Carolina Melches & Laura Gaißmaier, 2026: Too Big to (Stable)Coin: Warum Big Tech-Währungen Europas monetäre Souveränität gefährden, Finanzwende Recherche, Berlin, S. 17. Für Nutzer:innen ist ein Stablecoin, der bevorzugt im eigenen Ökosystem funktioniert, ein weiteres Lock-in-Instrument. Auch für Wettbewerber schirmt ein eigener Stablecoin das Ökosystem nach außen ab und kann den Wettbewerb erschweren.
… finanzielle Stabilität, …
Durch die Größe und Marktdominanz der Tech-Giganten können ihre Stablecoins sehr schnell eine kritische Größe erreichen und sie selbst zu systemisch relevanten Finanzakteuren werden. Der Stablecoin-Emittent Tether hat beispielsweise nur etwa ein Siebtel der Nutzerbasis von Meta und ist bereits einer der 20 größten ausländischen Inhaber von US-Staatsanleihen.12Tether Limited, 2026: USD₮ Q4 2025 Market Report, zuletzt aufgerufen am 21.04.2026. Sollte es zu einem Vertrauensverlust kommen und Millionen Nutzer:innen gleichzeitig ihr Geld zurückfordern (ein sogenannter „Run“), müssten die Konzerne ihre Reserven panikartig verkaufen. Dies könnte die globalen Finanzmärkte destabilisieren und Zentralbanken zwingen, als „Krisenfeuerwehr“ einzuspringen, ein „Too-Big-To-Fail“-Szenario für Tech-Giganten.
… Europas monetäre Souveränität…
Die privaten Digitalwährungen der Big-Tech-Konzerne könnten auch die monetäre Souveränität Europas gefährden und den staatlichen Handlungsspielraum einschränken. Große Stablecoin-Reserven könnten die Funktionsweise der Geldmärkte und damit sowohl Geldpolitik selbst als auch ihre Effektivität beeinträchtigen.13Rashad Ahmed & Iñaki Aldasoro, 2025: Stablecoins and safe asset prices, BIS Working Papers No 1270, zuletzt aufgerufen am 21.04.2026. Zudem droht eine Dollarisierung, falls EU-Bürger:innen massenhaft US-Dollar-referenzierte Stablecoins halten, was die EZB zur Anpassung ihrer Geldpolitik an die US-Politik zwingen könnte.14Jens van ‘t Klooster, Edoardo D. Martino & Eric Monnet, 2025, Cryptomercantilism vs. Monetary Sovereignty, Economic Governance and EMU Scrutiny Unit, zuletzt aufgerufen am 09.04.2026.
… und regulatorischen Schutz
Zusätzlich droht Gefahr durch regulatorische Fragmentierung. Geopolitischer Druck und die internationalen Geschäftsmodelle der Stablecoins könnten die EU dazu drängen, andere Regelwerke wie den GENIUS Act als äquivalent anzuerkennen, obwohl dieser beispielsweise kein strenges Signifikanz-Regime für große Stablecoins vorsieht. Europäische Schutzstandards könnten so unterlaufen werden.
Die EU ist im Zugzwang
Grundsätzlich kann die EZB bereits heute auf Basis der MiCA-Verordnung ein Fall-zu-Fall-Verbot für systemgefährdende Stablecoins erwirken.15MiCA-Verordnung, Art. 20 Abs. 5. In der Praxis ist dies jedoch schwierig: Die EZB hat lediglich 20 Tage Zeit für eine fundierte Risikoanalyse, und der politische Druck aus den USA, etwa durch Drohungen mit Strafzöllen bei Vorgehen gegen die US-Digitalkonzerne, könnte die Durchsetzung eines individuellen Verbots massiv erschweren.
Daher sollte die EU ein kategorisches (ex-ante) Verbot von Big-Tech-Stablecoins erwägen. Eine bloße operative Trennung der Finanzsparte, wie sie bei anderen Finanzangeboten der Big-Tech-Konzerne gefordert wird, reicht nicht aus, um die Risiken zu neutralisieren.16Carolina Melches & Michael Peters, 2025: Die Finanzdienste von Apple, Google und Co.: ein gefährlich guter Deal, Finanzwende Recherche, Berlin. Dieses könnte über eine Souveränitätsklausel in der Verordnung zum digitalen Euro zum Schutz der monetären Souveränität verankert werden. Unternehmen mit „Gatekeeper-Status“ (nach dem Digital Markets Act) könnten gezielt als monetäre Risikoakteure deklariert werden, deren private Währungen den Euro-Währungsraum fragmentieren würden.17Carolina Melches & Laura Gaißmaier, 2026: Too Big to (Stable)Coin: Warum Big Tech-Währungen Europas monetäre Souveränität gefährden, Finanzwende Recherche, Berlin.
Der digitale Euro als Wettbewerbsförderung
Ein wichtiger Teil der Lösung ist der digitale Euro. Als digitales Bargeld der Zentralbank bietet er eine sichere, staatliche Alternative. Sein entscheidender Vorteil gegenüber privaten Stablecoins wäre der Annahme- und Angebotszwang als gesetzliches Zahlungsmittel. Dies wäre die Garantie, dass auf jeder Plattform – egal wie geschlossen sie sein möchte – immer auch eine staatliche Alternative akzeptiert werden muss. So könnten Ökosysteme nachhaltig offengehalten werden.
Auch im Hinblick auf das Risiko einer Dollarisierung könnte der digitale Euro die Rolle des Euros im digitalen Zeitalter stärken.
Zeit, zu handeln
Big Tech sind heute schon eine Gefahr für unsere Demokratien und den fairen Wettbewerb. Noch befinden sich Pläne für Stablecoins der Big-Tech-Konzerne in einem sehr frühen Stadium. Das gibt der EU die Möglichkeit, proaktiv und vorbeugend zu handeln, etwa durch die Einführung eines ex-ante Verbots. Denn das Gefährliche an Big-Tech-Stablecoins ist nicht, dass sie in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Viel eher würden sie durch den explosiven Mix aus bestehendem Ökosystem und netzwerkgetriebenem Stablecoin wahrscheinlich so gut angenommen werden, dass wir irgendwann nicht mehr um sie herumkommen. Ein politisches Vorgehen, wie auch in anderen Geschäftsfeldern der Tech-Giganten, wird dann extrem schwer.
Zitiervorschlag
Melches Carolina & Laura Gaißmaier (2026): Big-Tech-Stablecoins: Warum das Geld der Giganten unsere Souveränität bedroht. In: eFin-Blog. https://zevedi.de/efinblog-big-tech-stablecoins-warum-das-geld-der-giganten-unsere-souveraenitaet-bedroht/ [24.06.2026]. https://doi.org/10.83253/384a-0120.
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