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Akzentfarbe: blau (Digitalcourage-Interview) Autor: Martin Kraushaar Verantwortungsblog

Warum bedarf es einer Datenkooperative für Architekten?

Warum bedarf es einer Datenkooperative für Architekten?

Architektinnen und Architekten üben einen kreativen und freien Beruf aus: Sie entwerfen, planen, beraten, koordinieren und kontrollieren. Bei all dem fallen Daten an. In der zunehmend cloudbasierten Wirtschaft fragt es sich jedoch, wie Daten aus der Gebäudeplanung digital souverän genutzt, archiviert und wiederverwendet werden können. Mit Martin Kraushaar, Hauptgeschäftsführer der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen, haben wir darüber gesprochen, warum es hierfür einer genossenschaftlichen Lösung bedarf – der Architektenkooperative ARKO.

Interview mit Dr. Martin Kraushaar | 08.01.2026

Server-Tower, der wie ein Bürogebäude wirkt. Dunkle Wolken im Hintergrund.
Erstellt mit Adobe Firefly.

Martin Kraushaar: Das würde ich schon sagen. Allerdings ist das Datenteilen in diesem Sektor schwieriger zu organisieren als in anderen Sektoren. Architekturbüros sind sehr oft mittelständische Unternehmen. Architekten arbeiten vor Ort unter spezifischen Gegebenheiten mit jeweils wechselnden Teams zusammen. Von daher sind die Rahmenbedingungen für das Datenteilen in dieser Branche komplexer als in anderen.

MK: Als Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen sind wir der Überzeugung, dass die notwendige Bauwende im Zeichen der klimaschutzbedingten Transformation nur mit Digitalisierung gelingen kann. Die erforderliche CO2-Reduktion bedingt die Umstellung auf eine Kreislaufwirtschaft in diesem Sektor. Die Effizienzsteigerung in den Bereichen Gebäudehülle und Gebäudetechnik ist an eine Grenze gelangt, also sind die weiteren erforderlichen Gewinne nur durch Kreislaufwirtschaft zu realisieren. Und das wiederum macht es erforderlich, dass man sehr viel genauer beschreiben kann, was in Gebäuden an künftig verwendbaren Rohstoffen, Bauprodukten und dergleichen steckt. Man spricht im Fach von Urban Mining.

MK: Genau. Derzeit ist ein Gebäude-Ressourcen-Pass in der Diskussion. Alle Zeichen deuten darauf, dass dieses System sukzessive aufgebaut werden muss. Frankreich und Dänemark kennen solche Gebäude-Pässe schon. Und dieser Gebäude-Ressourcen-Pass soll Aufschluss darüber geben, inwieweit das Material, das verbaut worden ist, einer weiteren Verwendung zugeführt werden kann, im Idealfall ohne eine Recycling-Zwischenstufe. Das ist eine Herausforderung, die nur durch Digitalisierung zu bewältigen ist.

MK: Wir haben im Moment nur unsystematisch Kenntnis davon, was in einem Gebäude verbaut worden ist. Sie haben die Werk- und Montageplanung und abgeleitete Leistungsverzeichnisse sowie Abrechnungen. Damit kann man den Bauprozess analog gut rekonstruieren und ein Bild davon bekommen, was das Gebäude alles verursacht hat. Aber man hat im Moment den ganzen Kranz der Daten noch nicht, die in den sogenannten EPD-Erklärungen, den Environmental Product Declarations stecken. Es geht dabei um eine Zahl, die die Umweltauswirkungen zum Ausdruck bringen soll, zum Beispiel 24 Kilogramm CO2-Äquivalente/m². Also alle Treibhausgase, die in der Produktions- und Errichtungsphase angefallen sind.

Und es kommt noch etwas hinzu: Die einzelnen Bauprodukte oder Baustoffe werden jetzt auch zeitlich in der Nutzungsbilanz erfasst. Der Austausch eines Heizungskessels ist beispielsweise nach 20 oder 30 Jahren vorgesehen. Diese Lifecycle-Daten werden im Moment nirgendwo erfasst, aber wenn ich diese Daten nicht systematisch erfasse, dann kann ich zum Beispiel, wenn eine Sanierung, ein Erweiterungsbau oder dergleichen ansteht, nicht sagen, ob es möglich ist, die jüngst erst verbauten Dachziegel wiederzuverwenden. Wenn ich aber keine Vorstellung davon habe, welche Restnutzungsdauern für welche Elemente noch zur Verfügung stehen, dann wird das mit dem kreislauffähigen Bauen nicht gehen.

Und vielleicht noch volkswirtschaftlich gesprochen: Ich glaube nicht, dass es unsere Vision der Kreislaufwirtschaft ist, dass vor jeder Stadt künftig ein riesiger Bauhof entsteht, auf dem Baustoffe zwischengelagert werden, wie wir das vom Autohandel kennen. Die Vision wird doch wohl sein, dass wir einerseits geschlossene Recycling-Kreisläufe organisieren und andererseits sehr genau wissen, wann wo was frei wird, soweit es sich um wiederverwendbare Bauprodukte handelt. Und dieses Matching gilt es mit Technologie hinzubekommen, so, wie das Amazon für alle möglichen Produkte kann. Aufgrund statistischer Verfahren, Predictive Analytics, liefert Amazon Waren zu einem Zeitpunkt, zu dem die Kunden noch gar nicht wussten, dass sie bestellen wollten. So etwas wird durch viele Daten möglich. Wir müssen solche Predictive Analytics auch im Bausektor implementieren, und dazu brauchen wir diese Life-Cycle-Daten. Das ist eine enorme Aufgabenstellung, mit der eine ganze Generation beschäftigt sein wird.

MK: Wir sind der Überzeugung, dass der Wert der Leistungen, die die Architekten erbringen, von der Gesellschaft noch nicht richtig gesehen wird. Damit meine ich auch den wirtschaftlichen Wert. Architekten schulden ihren Bauherren die Koordination von verschiedensten Fachplanungen und Ausführungsplanungen sowie die Bauleitung. Und überall fallen Daten an. Und die Kernkompetenz besteht darin, diese Daten sinnvoll strukturiert zu erfassen, abzulegen sowie zu verwalten. Diese Daten, die ja schon analog und digital in verschiedensten Formaten abgespeichert werden, haben einen Wert – ihn sichtbar zu machen, ist das Anliegen der Architekturkooperative. Denn erst wenn man die Ablageweise in der Branche systematisiert, wird erkennbar, was für Werte dort geschaffen werden.

Wir sind zum Beispiel als Architektenkammern Gesellschafter des sogenannten Baukosteninstituts in Stuttgart. Das Baukosteninstitut kann aufgrund bereits abgerechneter Projekte statistisch gestützte Kostenschätzungen abgeben. Dieser Datensatz wird für Versicherungen, für Banken und für andere Akteure immer wichtiger.

Im Moment besteht das Problem darin, dass diese Werte immer sehr stark an dem Objekt sozusagen hängenbleiben. Ich mache das an einem Beispiel deutlich: Es gibt das Gebäudedaten-Modell eines großen dänischen Krankenhauses. Und die renommierte Planergesellschaft hat dieses Gebäudedaten-Modell so entwickelt, dass es inzwischen im Betrieb des Krankenhauses genutzt wird. Die Beschaffungsplanung für Blutdruckmanschetten und für kleine EKG-Geräte oder dergleichen wird inzwischen über dieses Gebäudedatenmodell abgewickelt. Das ganze komplexe Krankenhaus-Facility-Management profitiert also davon. Aber das Problem ist: Man kann noch nicht projektübergreifend mit solchen Datensätzen arbeiten, und das wollen wir perspektivisch mit der ARKO möglich machen.

MK: Zunächst mal ist, wie in allen Bereichen, zu Beginn eines solchen Transformationsprozesses der Mensch entscheidend. Das Bewusstsein dafür, dass diese Prozesse wichtig sind, dass sie zu planen sind, ist noch nicht an allen Stellen so ausgeprägt, wie man sich das wünscht. Die Planung der Planung steuert die Produktivität eines Bauprojekts. Und die Planung der Planung basiert auf der Anlage von vernünftigen Strukturen, von Datenbanken und dergleichen. Und die Aufgabe ist, diese Prozessrelevanz und die Prozessstrukturierung stärker zu erkennen und das Ergebnis stärker wertzuschätzen. Wenn ich weiß, wie eine gelungene Planung der Planung aussieht, dann ist das ein Eigenwert. Derzeit fangen wir damit jedes Mal von Neuem an, weil sich jedes Mal die Beteiligten ändern.

MK: Ist es natürlich. Das kann man aber technisch durch geschützte Transaktionsmodelle klären. Ich mache mal zwei Beispiele: Ist Ihr Bauherr das Bundeskriminalamt, dann hat dieser Bauherr ein erhebliches Interesse daran, dass das Innenleben seines Gebäudes nicht bekannt ist. Dass es von außen sichtbar ist, das kann er nicht verhindern, das will er vielleicht auch nicht. Entsprechende Daten will dieser Bauherr vielleicht teilen. Daten, die das Innenleben des Gebäudes betreffen, mit Sicherheit nicht. Es gibt aber auch Gebäude, die von einem Bauherrn entwickelt worden sind, der es darauf anlegt, dass seine Gebäudepläne sich verbreiten. Ein Beispiel sind die sogenannten One-Man-Houses, die vom Roten Kreuz und von Ikea entwickelt worden sind, um die Flüchtlingsunterbringung zu erleichtern. Da ist offenkundig das Interesse groß, dass man das Wissen darüber teilt. Es gibt also verschiedene Fälle, je nach Bauaufgabe und Bauherr, und ein Datentreuhänder kann die abgestufte Weitergabe von Daten gewährleisten.

Was uns als ARKO besonders beschäftigt, ist nicht so sehr die Bauherren-Beziehung, sondern das Daten-Ökosystem, das Planer brauchen. Einen Teilaspekt habe ich vorher angesprochen: Planer sind verantwortlich für die Kostenplanung und Kostenkontrolle. Da gibt es inzwischen Ansätze und Tools. Aber was ist in Zukunft mit der Ökobilanzierung von Treibhausgasen? Und unsere Idealvorstellung ist: Das Ökosystem spuckt zuverlässig Euro-Kosten und Kilo-Gase aus. Wenn ich das für ein Gebäude frühzeitig in der Bauherrenberatung sagen kann, aufgrund von statistisch fundierten Zahlen, dann kann ich Ihnen, als Bauherrn, frühzeitig eine grobe Abschätzung darüber geben, in welche Richtung zum Beispiel der Einsatz eines Holztragwerks im Verhältnis zu einem Stahltragwerk geht. Damit wäre viel für die Gebäudeplanung gewonnen.

MK: Wo spielt die Datenschutz-Grundverordnung nicht hinein? Aber das halte ich insofern für überschätzt, weil wir in Bereichen tätig sind, in denen Verträge geschlossen werden – da kann man eine Zustimmungserklärung aufnehmen, dann ist diese Datenverarbeitung vom Auftraggeber bewilligt. Das wäre im Übrigen die besondere Dienstleistung der ARKO: Sie können sehr genau steuern, welche Daten Sie preisgeben. Denn eins muss man wissen: In kreativen Berufen wie beim Architektenberuf materialisiert sich die Kernkompetenz sehr stark auch in Daten. Sie geht nicht in Daten auf, aber sie materialisiert sich in Datenbeständen. Deshalb gibt es eine große Sorge vor Knowhow-Verlust. Und deswegen ist es so wichtig, dass die ARKO eine Kooperative ist, damit man sein Knowhow immer unter Kontrolle behält, obwohl man Daten teilt. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch.

Im Moment ist zu beobachten, dass größere Architekturbüros ihre Daten in die Clouds legen, die ihre Softwarehersteller ihnen anbieten. Daraus können Abhängigkeiten resultieren. Man stelle sich mal vor: In fünf Jahren muss man migrieren und hat sein ganzes Büro in der Cloud. Oder aber man ist von der Lizenzpolitik der Cloudanbieter vollkommen abhängig. Die daraus resultierenden Abhängigkeiten werden bereitwillig in Kauf genommen, ohne danach zu fragen: Was geschieht mit diesen Daten? Warum lege ich die Daten in einer Cloud ab, deren Server möglicherweise in den USA stehen?

MK: Aufgrund der besonderen treuhänderischen Beziehung zwischen Bauherr und Architekt ist das, was dort an gebäudebezogenem Wissen und Knowhow in einem Datenmodell abgelegt wird, für beide Seiten von hohem Interesse. Jetzt muss man sehen: Der Bauherr will sein Gebäude verstehen und möchte nach Möglichkeit, wenn der Betrieb, die Wartung und dergleichen, künftig immer mehr digital gesteuert sind, auch über die Daten verfügen können. Das ist der eine Teil des Souveränitätsaspekts.

Andererseits ist das sich ständig anreichernde Planungswissen das Kernstück, der eigentliche Wert eines Unternehmens in dieser Branche. Wenn Sie ein Architekturbüro verkaufen, dann werden Sie nach solchen immateriellen Werten gefragt. Und wenn diese immateriellen Werte aus ihrem Zugriff genommen sind, dann ist das ein erhebliches Problem.

Dann kommt aus Sicht der Architektenkammer und der Berufsangehörigen ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu: Architekten sind Angehörige eines freien Berufs. Frei insofern, als sie Bauherrn unabhängig von gewerblichen Interessen, Beratung und Planung schulden. Und die Unabhängigkeit macht sich auch daran fest, dass die Beratung nicht indirekt durch Halbfertigzeuge bei der Planung beeinflusst wird. Man merkt immer mehr, dass die Softwarehersteller Bauteilkataloge oder andere Herstellerkataloge anlegen. Und je mehr dieser Einfluss unbewusst stattfindet, umso mehr muss man sich Sorgen machen, ob die Planer tatsächlich noch unabhängig beraten. Und umso wichtiger wird es, dass sie wissen, wo ihre Daten sind, warum die dort sind und in welcher Art und Weise sie für nächste Nutzungen zur Verfügung stehen. Das ist schon berufsrechtlich relevant.

MK: Das soll jetzt kein Software-Bashing werden, aber man muss sehen, dass die Büros im Wettbewerb stehen. Wenn sie Planungsleistungen effizienter erbringen, Zwischenschritte abkürzen können, ist das attraktiv. Wenn ich also gewisse Plansätze für Details schon vorfinde, zum Beispiel Fensteranschlüsse, Fassadenteile, und in meine Planung sozusagen einfach Copy-Paste integrieren kann, dann habe ich auf der betriebswirtschaftlichen Ebene einen Effizienzvorteil. Aber auf der Ebene des gesamten Berufsstandes entsteht so eine unerkannte und so nicht gewollte Vereinheitlichung. Denn eigentlich ist genau das das Leistungsversprechen des Architekten, dass er bezogen auf die besonderen Bedürfnisse und Notwendigkeiten des Bauherrn prüft, was die besten Lösungen sind. Deswegen ist ein gewisser Widerspruch zu erkennen, wenn diese Prüfschritte, die vom Architekten und der Architektin eigentlich erwartet werden, so stark abgekürzt werden und die Besonderheiten des konkreten Projekts nicht mehr reflektiert werden. Mit dem absehbaren Einsatz von Künstlicher Intelligenz wird sich dieses Problem noch verschärfen.

MK: Es mehren sich bei uns als Architektenkammer die Berichte, dass die Lizenzpolitik teilweise doch zu einer Herausforderung wird. Die Lizenzkosten sind schon immer ein relevanter Kostenblock, aber in letzter Zeit hat sich der Kostendruck von dieser Seite stark erhöht. Das wäre die wirtschaftliche Seite.

Die technische Seite ergibt sich aus der Koordinationspflicht des Architekten: Architekten müssen verschiedene Planstände über Schnittstellen mit anderen Beteiligten teilen. Und wenn dieses Schnittstellenmanagement mal läuft und sichergestellt ist, dass es keine Datenverluste gibt, ist man sehr glücklich, und handelt nach der Devise: Never Change a Running Team. Je mehr Sie sich auf bestimmte Routinen festgelegt haben, umso unwahrscheinlicher ist es, dass Sie sich von dieser bürospezifischen IT-Software lösen können. Und genau darin liegt der Lock-in-Effekt: Sie haben zum Beispiel, ihren bürospezifischen Gestaltungsansprüchen entsprechend, Bauteilkataloge erzeugt, also die Gestaltung von Geländern, Fassadenelementen oder dergleichen – losgelöst vom konkreten Auftrag, aber jeder erkennt ihre Architektursprache. Und diese Leistung, die über Jahre hinweg erbracht wurde, sollte stets zu ihrer Verfügung stehen und sie sollten dieses spezifische Knowhow jederzeit in eine andere Cloud übertragen können. Und wenn das nicht möglich ist, ist das für Architekturbüros ein großes Problem.

MK: Sie richtet sich zunächst mal an die Mitglieder der Architektenkammern in ganz Deutschland, an natürliche und juristische Personen. Dieser Kreis kann in die ARKO eintreten und dort unmittelbar gestaltend als Genosse oder Genossin tätig werden.

Begrenzen wird sich die ARKO darauf, dass wir die Planungsfunktionen im Baugeschehen im Blick haben, und die Serviceleistungen der Kooperative sind an die involvierten Gruppen gerichtet. Ich habe bereits erwähnt, dass viel Zeit darauf verwendet werden muss, die Planung der Planung initial zu machen, und das nicht gut vergütet wird, wenn es überhaupt vergütet wird. Wie oft vergeht Stund um Stund in Projektanbahnungssitzungen und es ist noch gar nicht klar, ob es wirklich zu einer Beauftragung kommt. Die Qualitätssicherung muss sichergestellt werden, auch in kleineren Projekten. Das sind Servicefelder der ARKO. Ein weiteres Servicefeld: Es wird immer relevanter, mit überschaubarem Aufwand präzise Aussagen dazu zu tätigen, was die Treibhausgasbilanz eines Gebäudes sein wird. Und man will das nicht immer einzeln ermitteln, weil noch nicht klar ist, wer das zahlt, welche Honorare dafür generiert werden können. Und ein zusehends wichtiger werdendes Feld ist die abschließende Gebäudedokumentation: Wenn auch die deutlich erleichtert werden kann, hätten wir verschiedene Felder identifiziert, bei denen derzeit sehr viel Arbeitszeit in den Büros anfällt, die nicht vergütet wird. Da wären Produktivitätsgewinne relativ leicht möglich.

Das würde auch aus Sicht der Bauherren dazu führen, dass Planungssicherheit und Planungszeiten verbessert werden. Aus der Sicht anderer Beteiligter – Facility-Management, Zertifizierer, Behörden – führt es dazu, dass Nachweisführungen leichter und schneller gemacht werden können, dass möglicherweise insgesamt die Datenhaltung vereinfacht werden kann. Aufgrund verschiedener Betreiberpflichten müssen Bauherren viele Einzelnachweise nachhalten. Es wäre perspektivisch eine angenehme Vorstellung, wenn ein Bauherr oder eine Bauherrin sagen könnte: „Alles, was man über das Gebäude wissen muss, ist in diesem Standard der ARKO zu finden.“ Dafür könnten wir beispielsweise eine Schnittstelle anbieten. Das wäre ein großer Service für viele Liegenschaftshalter, die keine große Gebäudeunterhaltungsabteilung aufbauen wollen.

MK: Wir sind nicht die besseren Software-Produzenten, wir sind auch nicht die besseren Datenbankhersteller, aber die Gruppe der Architekten wird sich als die beste Datenbank-Konfiguriererin herausstellen, weil sie immer wieder vor wiederkehrenden Problemen steht und sie lösen muss. Wir haben das beste Nutzungs-Knowhow und dadurch werden wir die beste Struktur für diese Daten entwickeln. Denn der Datentreuhänder ist auch darauf angelegt, dass ein Community-Building stattfindet, dass der Austausch darüber stattfindet: Warum haben wir immer ähnlich gelagerte Probleme? Und insofern besteht auch die Chance, dass man zwar in den Bereichen Entwerfen, Planen und Bauen weiterhin in Konkurrenz steht, sich aber bezogen auf das digitale Ökosystem als Gemeinschaft versteht, die gemeinschaftlich daran arbeitet, diese datenbezogenen Probleme zu lösen.

Unser Vorbild ist die DATEV, der IT-Dienstleister der Steuerberater. Die wurde 1965 initiiert, als die Steuerberater damit konfrontiert waren, dass sie die Mehrwertsteuer für ihre Mandanten verwalten sollten. Das waren wahnsinnig viele Belege, und die dafür nötige Technik, die Großrechner beispielsweise von IBM, war in den 1960ern enorm kostspielig. Dass relativ kleine Wirtschaftsakteure relativ große und kostspielige Aufgaben stemmen müssen, ist das klassisches Motiv der Genossenschaftsgründung. So ähnlich ist es heute auch im Falle der ARKO.

MK: Auch im 19. Jahrhundert war man innovativ und man hat dieses Problem, Produktivitätsfortschritte angehen zu können, obwohl die einzelnen Akteure über zu wenig Kapital verfügen, durch eine kluge Rechtsform gelöst: die Genossenschaft. Eine Genossenschaft ist mehr als ein Verein, der vorwiegend ideelle Zwecke verfolgt. Sie verfolgt vor allem wirtschaftliche Zwecke. Eine Genossenschaft ist aber andererseits nicht so starr wie eine Kapitalgesellschaft, denn bei einer Gesellschaftsgründung haben Sie einen festen Kreis von Gesellschaftern. Und eine Aktiengesellschaft löst das Problem auch nicht, aufgrund des Anonymitätsprinzips.

In unserem Fall brauchen wir eine Rechtsform, die als Vertrauensgemeinschaft funktioniert. Und wir sehen das Vertrauenskapital in folgenden Punkten: Die Architektenkammern sind Mitinitiatoren der ARKO und werden darüber wachen, dass Daten geteilt werden können, und zwar genauso wie die einzelnen Genossen, das wollen, ohne einen Knowhow-Verlust zu erleiden, weil die Kammern zur Neutralität gegenüber allen Mitgliedern verpflichtet sind. Die Genossinnen und Genossen können darauf vertrauen, weil eine neutrale Kammer als Schiedsrichterin und Mitgenossin an Bord ist.

Und das zweite Vertrauenskapital: Die Genossenschaft ist eine sehr gute Rechtsform, um wirtschaftliche Größenunterschiede zu nivellieren. Es geht nicht darum, dass große Unternehmen kleine Mitgliedsunternehmen dominieren, oder umgekehrt, die vielen Kleinen die wenigen Großen. Die Genossen haben alle gleiche Anteile und das Ziel der Genossenschaft ist es, Services anzubieten und damit Einnahmen zu generieren sowie als Einkaufsgenossenschaft Sorge dafür zu tragen, dass der Einfluss auf sehr große Softwarehersteller größer wird. Das alles werden die Genossen untereinander in der Versammlung demokratisch aushandeln. Und das sind Möglichkeiten, die eine andere Rechtsform nicht bietet.

Deswegen: Strukturell gleichgelagerte Probleme tauchen seit Jahrhunderten bei anderen Branchen auf. Mit dem Wechsel von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft kam es mit den Raiffeisenbanken zu den ersten Genossenschaftsgründungen im modernen Sinne. Mit dem Aufkommen der elektronischen Datenverarbeitung kam es zur Genossenschaftsgründung der DATEV. Und jetzt stehen wir vor der Umwälzung der Wirtschaft durch Daten und KI, die ähnlich tiefgreifend sein wird wie die industrielle Revolution. Deswegen ist es nicht erstaunlich, dass das Recht wieder mit ähnlichen Antworten aufwartet. Kulturtechniken, die sich bewährt haben, sind unglaublich anpassungsfähig in die Zukunft hinein. Und die Genossenschaft ist eine sehr moderne Rechtsform angesichts solcher Herausforderungen.

MK: Das ist mit „Knowhow-Schutz“ gemeint: Es geht bei diesem Datentreuhandmodell nicht darum, dass partout vollständige Gebäudedatenmodelle hinterlegt werden. Das kann auch passieren. Aber zunächst mal fallen in jedem Bauprojekt alle möglichen Daten an. Und diese Menge an Daten soll strukturiert abgelegt werden können. Das erforderliche Rollen- und Rechtekonzept wird durch die Architektenkammern strikt dem Neutralitätsprinzip unterworfen. Dadurch wird der Knowhow-Schutz sichergestellt. Insofern haben Sie recht: Die Architektenschaft, die sich hier beteiligt, muss nicht befürchten, dass die Genossenschaft eigenständige wirtschaftliche Interessen an den Daten entfaltet, denn darüber entscheiden ja die Genossen zusammen. Damit ist eine Stärkung der Datensouveränität sowohl des einzelnen Büros als auch des Berufsstandes insgesamt bezweckt.

MK: Von „entschärfen“ würde ich nicht sprechen. Das ist glaube ich nicht der richtige Begriff. In der Geschichte sind die Bauern, die sich zu Agrargenossenschaften zusammengeschlossen haben, ja Konkurrenten geblieben. Auch die Steuerberater sind nach der Gründung der DATEV Konkurrenten geblieben, aber sie haben sich davon entlastet, dass jeder für sich ein damals enorm aufwendiges IT-System aufsetzen musste. Das wäre damals viel schwieriger gewesen als heute.

Und was durch den Sprung in die Daten- und KI-Wirtschaft noch hinzukommt: Die Transformation zur cloudbasierten Wirtschaft stellt die heutige große Herausforderung für die Architekturbüros dar. 90 Prozent der Architekturbüros haben weniger als zehn Mitarbeiter – wie sollen diese Unternehmen einen Spezialisten für Cloud-Technologie und künftig Prompt Engineering anstellen? Das können diese Büros nicht erwirtschaften, und dennoch werden sie mit entsprechenden Erwartungen der Bauherren konfrontiert. Deswegen ist es sinnvoll, solche Aufgaben zu zentralisieren, ohne in irgendeiner Weise die Konkurrenz um die besten Entwürfe und die beste Bauleistung einzuschränken. Diese Konkurrenz soll ja möglich sein, aber nicht belastet sein dadurch, dass nur die Büros noch gute Chancen haben, die sich aufwendige IT-Systeme oder Spezialisten leisten können.

MK: Die ARKO zielt darauf, dass die Architekten als freier Beruf ihre Positionen als Berufsstand im 21. Jahrhundert finden und definieren können. Wir sehen ja, dass die neue Form der Datenökonomie Plattformnutzung begünstigt. Große Plattformen sind praktisch private Marktplätze. Der Marktplatzbetreiber ist dann besonders erfolgreich, wenn die Plattform so groß ist, dass jeder sie a) nutzen möchte und er b) den Zugang zum Beispiel mit Nutzungslizenzen kontrollieren kann. Dann kann der Plattformbetreiber für diejenigen, die den Dienst nutzen wollen, den Zugang kostenpflichtig machen. Oft sind aber die Nutzer eigentlich die Produzenten dessen, was auf der Plattform interessant ist. Sie kaufen Dinge, bestellen Services oder dergleichen und zahlen so zum zweiten Mal. Der Plattformbetreiber verdient also am Zugang der Händler beispielsweise zur Plattform und er verdient an der Transaktion zwischen Händlern und ihren Kunden mit. Und die, die das eigentlich möglich machen, bezahlen, also die Händler und ihre Kunden. Das entspricht aber nicht dem Ideal unserer Wirtschaftsordnung. Wenn man eine Leistung zu Markte trägt, dann sucht man einen Partner, der sie in Anspruch nehmen möchte, und verhandelt nach den Marktgesetzlichkeiten den Preis. Und in der aktuellen Transformation der Wirtschaft ist es erforderlich, dass diejenigen, die sehr viel Planungs-Knowhow auf sich versammeln, sich mit ihrer Datenbündelung als Gruppe ökonomisch so stark machen, dass sie diesem Mechanismus etwas entgegensetzen können.

Sie wissen alle: Man kann heute kein Hotel mehr betreiben, wenn man nicht auf booking.com oder Expedia oder dergleichen zu finden ist. Diese Plattformen bezahlen wir als buchende Hotelgäste mit. Und das ist eine Logik, die so mächtig ist, dass man sie nicht ausschließen kann. Dieser Illusion geben wir uns nicht hin. Aber es muss schon so sein, dass die Bedingungen einigermaßen fair sind, und da ist die Besorgnis, dass einzelne relativ kleine Wirtschaftseinheiten relativ rasch an die Grenzen ihrer Verhandlungsmacht kommen. Wenn da aber die große Gruppe der Architektenschaft insgesamt auftritt, dann sind zum Beispiel Lizenzpolitiken beeinflussbar, dann wird man sich ökonomisch besser positionieren können.

Kraushaar, Martin (2026): Warum bedarf es einer Datenkooperative für Architekten? In: Verantwortungsblog. https://zevedi.de/datenkooperative-fuer-architekten/ [08.01.2026]. https://doi.org/10.60805/b0wn-2s44.