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    Akzentfarbe: Dunkelgrau Autor: Katrin Döveling Verantwortungsblog

    Zur KI statt auf den Friedhof?

    Der Fall des Unternehmers Michael Bommer hatte in Deutschland für Aufsehen gesorgt. Bommer hatte kurz vor seinem Tod die KI „eternos.life“ dazu befähigt, einen digitalen Zwilling von ihm zu erschaffen. Der lebt nun weiter – auch nach seinem Tod – und gibt sogar Interviews. Was bedeutet das für die Hinterbliebenen, wenn nach dem Tod ein digitaler Zwilling durch die Welt geistert? Und was für unsere Gesellschaft?

    Zur KI statt auf den Friedhof?


    Der Fall des Unternehmers Michael Bommer hatte in Deutschland für Aufsehen gesorgt. Bommer hatte kurz vor seinem Tod die KI „eternos.life“ dazu befähigt, einen digitalen Zwilling von ihm zu erschaffen. Der lebt nun weiter – auch nach seinem Tod – und gibt sogar Interviews. Was bedeutet das für die Hinterbliebenen, wenn nach dem Tod ein digitaler Zwilling durch die Welt geistert? Und was für unsere Gesellschaft? In welchem Verhältnis steht der Bot zur realen Person? Die Kommunikationswissenschaftlerin Katrin Döveling erforscht das Phänomen sogenannter „Deadbots“.

    Interview mit Katrin Döveling | 12.06.2026

    Ein Smartphone statt eines Grabsteines auf einem Friedhof
    Erstellt mit Adobe Firefly

    Katrin Döveling: Ein Deadbot ist kein fühlendes Wesen, auch wenn er gut darin ist, so einen Eindruck zu vermitteln. Er kann Gefühle projizieren, aber selbst nicht fühlen. Er ist also so etwas wie ein „Echo“, ein Algorithmus, der Gespräche simuliert. Während Menschen „echte“ Erinnerungen in sich tragen, trägt ein Deadbot gespeicherte Informationen in sich. Und aus den Datenmassen können Deadbots Geschichten weben. Damit machen sie den Tod für den Hinterbliebenen womöglich etwas greifbarer, vielleicht auch handhabbarer. Für die Angehörigen soll ja erst einmal eine Brücke zwischen Abschied und fortgesetzter Nähe entstehen. Tod ist nun mal das Massivste – neben der Geburt – was ein Mensch erleben kann. Und wir Menschen wollen uns nur selten mit dem Thema Tod auseinandersetzen. Und durch diesen Deadbot, durch diese digitalen Möglichkeiten, hat der Angehörige nun die Chance, zwischen Abschied und fortgesetzter Nähe, oszillierend hin und her zu schwanken.

    KD: Es gibt ein etabliertes Trauermodell von Stroebe und Schut, in dem Trauer als ein nicht linearer Prozess beschrieben wird. Was ist Trauer also? Trauer ist ein oszillierender Prozess. Einerseits ist man in der Trauer, zum Beispiel bei Gedenktagen oder bei Weihnachten oder am Geburtstag. Und dann vermisst man die Person, den Verstorbenen, ganz besonders und empfindet in dem Moment die Trauer stark. Aber es gibt auch andere Momente, in denen man sich wieder dem Leben zuwendet, das Leben mehr genießt.

    KD: Genau, sie können als digitaler Zwilling des Verstorbenen an solchen Gedenktagen helfen. Aber es ist und bleibt eine Projektion. Man könnte fast schon sagen, die KI ist ein Spiegel. Ein Spiegel der Sehnsucht, noch einmal mit dem Verstorbenen Kontakt aufzunehmen. Es kann natürlich niemals einen Menschen ersetzen. 

    KD: Es gibt in der Medienpsychologie das Konzept der „Intimität aus der Distanz“. In der Kommunikation mit Deadbots passiert etwas Ähnliches. Normalerweise wird das Konzept auf Fernsehfiguren bezogen, das erläutert, wie wir mit Medienfiguren umgehen, eben parasozial, denn auch sie reagieren ja nicht zurück. Wenn wir einen Fußballer anfeuern, hört er uns nicht. Die KI vermittelt ein vergleichbares Gefühl solcher Nähe aus der Distanz. Und spiegelt unsere Sehnsüchte darin wider. Es geht nicht nur um Sehnsüchte, ich würde sogar sagen, es ist eine tief verwurzelte Sehnsucht nach Nähe und Sinn des Lebens. Der Tod spiegelt etwas in unserem Menschsein wider – nämlich unsere Endlichkeit. Wir können den Tod nicht rückgängig machen, und wir alle werden sterben. Und es fällt uns schwer, uns damit auseinanderzusetzen. Wenn wir es dann aber doch tun, zum Beispiel mit der KI, bietet die KI für den Moment eine Gratifikationsleistung dieser Sehnsucht. 

    KD: Ich denke, wir sind alle, als Sozialwissenschaftler*innen, aber auch als Politiker:innen, als Pädagog:innen, sehr sehr dringend gefragt, uns mit dem Thema mehr auseinanderzusetzen. Denn natürlich gibt es immense Gefahren, besonders für vulnerable Personengruppen. Ein einsamer Mensch, der sich einer ubiquitären KI zuwenden kann, die überall erreichbar ist, Tag und Nacht, welchen Eindruck bekommt sie? Welchen Rat? Da kann viel schiefgehen und den Menschen letztlich auch eher schaden. Und da sind wir alle gefragt, Aufklärungsarbeit zu leisten, auch Richtlinien zu erarbeiten. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass im Hintergrund immer Firmen mit kommerziellen Interessen stehen.

    KD:  Es ist sehr intransparent, was mit den Daten passiert. Und es beschäftigt mich so gesehen aus emotionspsychologischer Warte: Was passiert mit unseren Daten? Denn es geht um das Geschäft mit dem Bedürfnis, dass etwas bleibt, obwohl es nicht mehr da ist. 

    KD: Die KI soll ein Abbild davon geben und trifft relativ intransparent und eigenständig Entscheidungen darüber, wie es jetzt dieses Abbild gibt oder weiterentwickelt. Das heißt, es ist ganz schwer zu sagen, an welchen Teil des Menschen jeweils die KI dann erinnert. Hinzu kommt die grundlegende Unsicherheit: Ist es im Interesse des Verstorbenen, was die KI da sagt? Also angenommen die KI sagt, weißt du, da war ich damals so sauer auf dich und ich fand das eine super unangenehme Situation. Dann gibt es keine Möglichkeit mehr, das aufzuklären. Und das kann ja nicht im Interesse des Verstorbenen oder der Hinterbliebenen sein, dass da alte Wunden aufgerissen werden. Da wird es für mich wiederum als Emotionspsychologin interessant. 

    KD: Ich arbeite bislang mit Experimenten, in denen ich Menschen eine Simulation durchführen lasse. Das sind nicht unbedingt Menschen, die Deadbots selbst als Trauernde genutzt haben. Die Anwendungen sind noch recht jung, außerdem muss man da forschungsethisch vorsichtig sein. Aber daran forsche ich.

    KD: Das ist auch eher meine Beobachtung. Zunächst sind alle sehr, sehr „geschockt“, weil es so real wirken kann. Auch die Interaktion kann sich sehr real anfühlen. Und dann beobachte ich rasch eine zunehmende Akzeptanz der KI-generierten Interaktionen. Das ist, was ich weiter erforschen möchte.

    KD: Ja. Da müssen wir uns mit auseinandersetzen. Da stehen wir ganz am Anfang. Klar ist: Es entsteht eine Riesenindustrie um eine tief verwurzelte Sehnsucht mit dem Bedürfnis nach Fortleben. Und darüber müssen wir nachdenken: Verändert KI unsere Wahrnehmung vom Unvermeidbaren? Schiebt es die Realisierung des Todes meiner Angehörigen auf?

    KD: Ich habe Befragungen gemacht, um herauszufinden, wann würden sich Menschen entsprechend dieser Technologie zuwenden? Viele leiden unter dem, was wir in der Psychologie „disenfranchised grief“ nennen, also sogenannte entrechtete Trauer. Viele Trauernde hören recht schnell an verschiedenen Stellen ihres Alltags, „jetzt hör doch mal auf, reiß dich mal wieder am Riemen“. Und müssen ja alle funktionieren in der Gesellschaft. Sie müssen in ihrer Rolle funktionieren: Sie machen gerade ein Gespräch mit mir und ich mit Ihnen. Und diese Rollen, die wir soziologisch betrachtet ausfüllen, müssen wir auch im Falle der Trauer ziemlich rasch weiter bedienen. Und in solchen Momenten, kann KI tatsächlich helfen, indem man sich ganz kurz nochmal an schöne Momente des Miteinanders erinnert und ein Refugium mit der KI entdeckt. Solange es ein temporäres Refugium ist, kann dieses heilsam sein. Die Gefahr nimmt an der Stelle wieder überhand, wenn man sich in diese fiktive Welt hineinflüchtet. Es ist ein zweischneidiges Schwert. 

    KD: Ich glaube, es wird weiter boomen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Nische bleibt. Ich glaube auch, dass sich dies noch rasant weiterentwickeln und noch realistischer werden wird, was Stimmenimitation, Gestik, Mimik, Emotionsausdruck etc. angeht. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es irgendwann so sein wird, dass man sich statt zum Friedhof zu gehen an eine KI wendet. 

    Döveling, Katrin (2026): Zur KI statt auf den Friedhof?. In: Verantwortungsblog. https://zevedi.de/zur-ki-statt-auf-den-friedhof/ [11.06.2026]. https://doi.org/10.60805/aey1-8b78.

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    Katrin Döveling
    ist Professorin für Kommunikationswissenschaft und Medienkommunikation an der Hochschule Darmstadt. In ihrer Forschung interessiert sie sich für die Interdependenz von Mensch und Technologie, vor allem für die Veränderung von Emotion im digitalen Zeitalter.

  • Über den Blog
    Der ZEVEDI-Verantwortungsblog hat die Frage zum Gegenstand, wie gut es uns im Zusammenleben mit Digitaltechnologien geht. Er kommentiert die Ambivalenzen, die Steuerungsprobleme und die Vertretbarkeit des digitalen Wandels. Was an möglicherweise kritischen Technikfolgen (und Markteffekten) sollte man in den Blick nehmen und diskutieren? Wo sind Sorgen angebracht? Wie passt Digitalisierung zu Freiheit und Demokratie? Welche Regeln braucht eine digitale Gesellschaft? Wovon sollte – weil es kritisch werden könnte – die Rede sein?

    Es schreiben Autor:innen aus dem ZEVEDI-Netzwerk sowie Gäste darüber, was sie lernen und erforschen, was sie beunruhigt und was sie fasziniert.

    DOI: 10.60805/5c9w-7n74
    ISSN:  2943-9124

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