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Autor:innen: Vincent Lindner & Denise Rößler Digitaler Euro eFin-Blog Farbe: gelb

Der Preis des Bezahlens: Wie Visa, Mastercard und Co. Europas Zahlungsverkehr prägen – und was sich mit dem digitalen Euro ändern kann

Der Preis des Bezahlens: Wie Visa, Mastercard und Co. Europas Zahlungsverkehr prägen – und was sich mit dem digitalen Euro ändern kann

Ein Beitrag von Vincent Lindner & Denise Rößler

13. Mai 2026

Kartenzahlungen fühlen sich schnell, bequem und kostenlos an. Doch dieser Eindruck täuscht: Hinter einem Bezahlvorgang steckt ein komplexes und für Verbraucher:innen undurchsichtiges System aus Gebühren, die von Unternehmen auf alle Kund:innen umgelegt werden – unabhängig davon, wie sie tatsächlich bezahlen. Der digitale Euro bietet Abhilfe.

Eine Kreditkarte mit einem Preisschild
Erstellt mit Adobe Firefly.

Die Zahlungslandschaft: Gleiche Preise, unterschiedliche Kosten

Für Privatpersonen lässt sich der Zahlungsverkehr heute in drei zentrale Bereiche unterteilen: Zahlungen an einem physischen Verkaufsort, Online-Zahlungen und Zahlungen zwischen Privatpersonen. In allen drei Bereichen zeigt sich ein klarer Trend hin zu digitalen Lösungen. Am Verkaufsort kann sowohl digital als auch bar gezahlt werden. Bargeld ist in Deutschland weiterhin verbreitet, allerdings geht seine Nutzung zurück, während Kartenzahlungen und mobile Wallets, wie Apple oder GooglePay, an Bedeutung gewinnen. Möchte man nur schnell Geld an eine Privatperson senden, haben sich Dienste sogenannter Zahlungsanbieter, wie PayPal, etabliert. Besonders dynamisch ist die Entwicklung im Online-Handel: Hier ist das Transaktionsvolumen mit Karten, Überweisungen und Internet-Bezahlverfahren in den letzten Jahren stark gestiegen. Mit Zahlungsanbietern, wie PayPal und Klarna, sind neue Akteure hinzugekommen. Doch während der Endpreis für Kund:innen immer gleich bleibt, unterscheiden sich die Kosten verschiedener Zahlungsmittel teilweise erheblich.

Grundsätzlich gilt: Für jede Zahlungsart, fallen bei Händler:innen Kosten an, die sogenannten Transaktionskosten. Kreditkartenzahlungen kosten in Deutschland im Durchschnitt 1,33% des Zahlungsbetrages, während Debitkarten deutlich günstiger sind (ca. 0,36%). Abbildung 1 zeigt eine vereinfachte Übersicht über die Transaktionskosten verschiedener Zahlungsmittel in Deutschland, basierend auf einer Analyse des Sachverständigenrats aus dem Jahr 2024. Dabei sind die Gebühren nicht transparent einsehbar. Die Darstellung beruht daher teilweise auf Schätzungen und Mittelwerten; die Bundesbank kommt zu geringfügig anderen Ergebnissen.

Abbildung 1: Transaktionskosten bei digitalen Bezahlvorgängen

Abbildung: Transaktionskosten bei digitalen Bezahlvorgängen

Quelle: Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2024), Abb. 68. Vereinfachte Darstellung.

Die Girokarte stellt ein in Deutschland weitverbreitetes Debitkartensystem für Zahlungen an einem physischen Verkaufsort dar, das niedrige Transaktionskosten aufweist. Online-Zahlungen sind jedoch nicht möglich. Im Rahmen einer Girokarten-Transaktion fällt ein Autorisierungsentgelt von bis zu 0,2% des Umsatzes an, das dem kartenausgebenden Institut zufließt. Darüber hinaus entstehen zusätzliche Kosten für Netzbetreiber in Höhe von etwa 0,05%. Insgesamt bewegen sich die Gebühren somit im Durchschnitt bei rund 0,24% des jeweiligen Zahlungsbetrags.

Die unsichtbare Infrastruktur hinter jeder Zahlung

Bei anderen Debit- oder Kreditkarten unterscheidet man drei Arten von Kosten: das Interbankenentgelt, die Gebühr für das Kartensystem und die Gesamtgebühr (siehe Abbildung 2). Das Interbankenentgelt wird von der Händlerbank an die Kundenbank gezahlt und ist in der EU auf maximal 0,3% für Kredit- und 0,2% für Debitkarten beschränkt. Internationale Kreditkarten und Geschäftskarten sind von dieser Regelung ausgenommen, weshalb deren durchschnittliches Interbankenentgelt in Deutschland bei ca. 0,36% liegt. Außerdem zahlen sowohl die Händlerbank als auch die Kundenbank eine Gebühr an das Kartennetzwerk; in Deutschland liegt diese in der Regel bei ca. 0,1% des Umsatzes. Schließlich erhebt die Händlerbank gegenüber den Händler:innen eine Gesamtgebühr, in der verschiedene Kostenbestandteile gebündelt sind. Die Gesamtgebühr umfasst also das Interbankenentgelt, die Gebühren für die Nutzung des Kartensystems und zusätzlich eine durchschnittlich 0,06% hohe Gebühr der Händlerbank.

Abbildung 2: Aufschlüsselung der Gebühren bei Kartenzahlungen

Abbildung 2: Aufschlüsselung der Gebühren bei Kartenzahlungen

Im Online-Handel ist es möglich, über SEPA-Überweisungen zu zahlen, die kaum Transaktionskosten beinhalten. Dies liegt daran, dass SEPA-Zahlungen über eine standardisierte, weitgehend öffentlich organisierte Zahlungsinfrastruktur zwischen Banken im europäischen Raum abgewickelt werden und keine zusätzlichen Akteure involviert sind. Schließlich gibt es für den Onlinehandel die Möglichkeit, die Zahlung über Zahlungsanbieter abzuwickeln. Diese Anbieter übernehmen die vollständige Abwicklung des Zahlungsprozesses und ermöglichen verschiedene Zahlungsarten, darunter Lastschriften, Überweisungen sowie Kredit- und Debitkartenzahlungen, Transaktionen über Guthaben und Kredite sowie Ratenzahlungen („Buy-Now-Pay-Later“).

So setzte sich der Standardtarif von PayPal 2025 beispielsweise aus einer festen Gebühr von 0,35 Euro je Transaktion und einem prozentualen Anteil von 2,49% des Zahlungsbetrags zusammen. Allerdings ist die tatsächliche Gebührenhöhe stark von verschiedenen Faktoren abhängig, etwa der Art der Transaktion, dem Zahlungsinstrument oder dem geografischen Kontext. Zusätzliche Aufschläge können bei grenzüberschreitenden Zahlungen oder Währungsumrechnungen anfallen. Zudem weichen die tatsächlich gezahlten Gebühren häufig von den ausgewiesenen Standardkonditionen ab, etwa aufgrund individueller Vereinbarungen. Somit ist die Gebührenstruktur von PayPal vergleichsweise komplex und aufgrund zahlreicher Ausnahmeregelungen und Differenzierungen nicht durch einen einheitlichen Satz abzubilden.

Zahlungsanbieter erzielen hohe Renditen durch marktbeherrschende Positionen

Zahlungsmärkte sind gekennzeichnet durch Netzwerkeffekte. Eine Zahlungsmethode ist nur dann attraktiv, wenn sie von vielen genutzt wird: Kund:innen wollen überall bezahlen können und Händler:innen akzeptieren vor allem verbreitete Verfahren. Daraus folgt: Je größer ein Anbieter ist, desto attraktiver wird er für Andere. Diese Dynamik führt dazu, dass sich wenige große Anbieter durchsetzen und den Markt dominieren – man spricht von einem Oligopol. Für neue Anbieter ist es besonders schwierig einzutreten, weil sie erst gleichzeitig viele Händler:innen und Kund:innen gewinnen müssten. Die etablierten Unternehmen profitieren dagegen von ihrer Größe und können ihre starke Marktposition langfristig sichern.

Wie stark diese Marktstellung ist, zeigt sich an den Gewinnen der dominierenden Anbieter: Zahlungsdienstleister erzielen deutlich höhere Renditen als klassische Banken. So lagen die durchschnittlichen Kapitalrenditen zwischen 2000 und 2022 in den USA bei etwa 4,3% und im Euroraum bei rund 2,3%, während Banken nur 0,9% bzw. 0,2% erreichten.

Doch wer zahlt das am Ende?

Für Kund:innen sind die Unterschiede der Zahlungsmethoden und verschiedenen Gebührenmodelle in der Regel undurchsichtig. Die Kosten werden zunächst von den Händler:innenn getragen und anschließend über den Preis an sie weitergegeben. Da diese Gebühren für Kund:innen meist nicht direkt sichtbar sind, beeinflussen sie die Wahl des Zahlungsmittels nur begrenzt.

Dadurch entsteht ein fragwürdiger Effekt: Eine Quersubventionierung von günstigen zu teuren Zahlungsarten. Kund:innen, die günstige Zahlungsmittel wie die Girokarte nutzen, tragen indirekt die höheren Kosten teurer Verfahren mit, etwa von Kreditkarten, weil diese in die allgemeinen Verkaufspreise einfließen.

Die Frage, wie eine Transaktion abgewickelt wird, ist somit weder neutral noch rein technischer Natur. Sie legt fest, wie hoch der tatsächliche Umsatz von Händler:innen ist, hat mittelbar Wirkung auf die Preisgestaltung und begünstigt oligopolistische Marktstrukturen, in denen beherrschende Marktakteure Überrenditen erzielen.

Wie hilft der digitale Euro?

Der digitale Euro setzt hier an, indem er Zahlungsinfrastrukturen günstiger macht und diese als öffentliche Infrastruktur statt als privates Oligopol bereitstellt. Im Gegensatz zu Deutschland verfügen viele europäische Länder über kein eigenes nationales Zahlsystem wie Giropay, sondern sind vollständig von privaten, meist außereuropäischen, Anbietern abhängig. Zusätzlich zu den hohen Kosten dieser Anbieter haben sie also erhebliche strategische Verwundbarkeiten in einer zunehmend fragmentierten und geopolitisch vermachteten Welt. Der digitale Euro als öffentlich bereitgestellte Zahlungsinfrastruktur könnte bei Zahlungen vor Ort und im Online-Handel eine ähnliche Rolle einnehmen wie SEPA für Überweisungen. Banken und Zahlungsanbieter könnten die Infrastruktur nutzen, um Transaktionen abzuwickeln und darauf basierende, kundenfreundliche Zahlungsdienste im Wettbewerb anzubieten.

Damit ist der digitale Euro auch einer privaten Lösung wie Wero vorzuziehen. Wero ist ein digitales Bezahlsystem, das aus einem Zusammenschluss europäischer Banken und Zahlungsdienstleister hervorgegangen ist. Wero verspricht, bestehende Konto-zu-Konto-Systeme über einen interoperablen Knotenpunkt zu vernetzen, sodass Transaktionen zwischen den Ländern ermöglicht werden. In Zukunft soll es bei Online-Zahlungen sowie beim Einkauf vor Ort flächendeckend zur Verfügung stehen und so den etablierten Marktakteuren Visa, Mastercard und PayPal Konkurrenz machen. So sehr das zu begrüßen ist, fällt diese neue privatwirtschaftliche Lösung jedoch in drei Aspekten hinter eine öffentlich bereitgestellte Lösung zurück.

Erstens bietet der digitale Euro rechtliche Sicherheit. Der europäische Gesetzgeber kann Händler:innen ab einer bestimmten Größe oder eines bestimmten Umsatzes zur Akzeptanz des digitalen Euros verpflichten und zudem dafür sorgen, dass alle Bürger:innen Zugriff haben – unabhängig davon, ob ihre Bank die Zahlungsmethode unterstützt oder nicht. Zweitens birgt Wero die Gefahr neuer oligopolistischer Konkurrenz mit hohen Renditen, Hürden für neue Markteintritte und geringer Innovationskraft. Und drittens, kann eine privatwirtschaftliche Lösung niemals die Dimension geostrategischer Souveränität erfüllen, die mit dem digitalen Euro einhergeht.

Fazit

Was für viele im Alltag wie ein kostenloser und reibungsloser Bezahlvorgang wirkt, kann in Wahrheit mit erheblichen Kosten verbunden sein. Diese Kosten bleiben jedoch weitgehend unsichtbar und führen dazu, dass teure Zahlungsarten durch günstigere mitfinanziert werden. Der Preis des digitalen Bezahlens ist damit nicht nur hoch, sondern auch intransparent und ungleich verteilt.

Mehr Transparenz über Gebührenstrukturen könnte dazu beitragen, dass Verbraucher:innen informiertere Entscheidungen treffen und zu einem fairen Wettbewerb zwischen Zahlungsdienstleistern führen. Andernfalls wird sich an bestehenden Marktstrukturen wenig ändern und marktbeherrschende Zahlungsanbieter können aufgrund starker Netzwerkeffekte weiter hohe Renditen erzielen.

Der digitale Euro bietet hier einen Ansatzpunkt: Als öffentlich bereitgestellte Zahlungsinfrastruktur könnte er nicht nur Kosten senken, sondern auch zu mehr Nachvollziehbarkeit beitragen. Er würde eine Grundlage schaffen, auf der Zahlungsdienste effizient, wettbewerblich und potenziell transparenter angeboten werden können – ohne die heutigen Abhängigkeiten von wenigen dominanten Anbietern. Der digitale Euro ist daher mehr als eine neue, weitere Zahlungsform: Er ist Europas Chance für eine sichere und kostengünstige digitale Zahlungsinfrastruktur.

Dieser Text basiert auf: Tobias Berg, Vincent Lindner & Denise Rößler (2026): Payments, Sovereignty, and Critical Infrastructure: The Strategic Case for the Digital Euro. SAFE Policy Letter No. 112.

Zitiervorschlag

Lindner, Vincent & Denise Rößler (2026): Der Preis des Bezahlens: Wie Visa, Mastercard und Co. Europas Zahlungsverkehr prägen – und was sich mit dem digitalen Euro ändern kann. In: eFin-Blog. https://zevedi.de/efinblog-der-preis-des-bezahlens-wie-visa-mastercard-und-co-europas-zahlungsverkehr-pragen-und-was-sich-mit-dem-digitalen-euro-andern-kann/ [13.05.2026]. https://doi.org/10.83253/c4ym-6q64.

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Autor: Leo Wittmann eFin-Blog Farbe: blau

NGI Taler und die Zukunft des digitalen Bezahlens

NGI Taler und die Zukunft des digitalen Bezahlens

Leo Wittmann im Interview mit Eneia Dragomir

23. Oktober 2024

Bezahlvorgänge finden zunehmend online bzw. digital statt. Das Taler Bezahlsystem ist mit dem Anspruch angetreten, Eigenschaften des Bargelds, wie anonymes Bezahlen, im digitalen Raum zu ermöglichen. Mit dem NGI Taler möchte die GLS Gemeinschaftsbank mit zehn weiteren Partnern dieses Bezahlsystem allgemein zugänglich machen. Wir haben mit Leo Wittmann von der GLS Bank über das Projekt, über die Einbindung der Zivilgesellschaft sowie über Micropayments gesprochen.

Herr Wittmann, warum interessiert sich die GLS Bank für das Taler-Bezahlsystem?

Wir sehen in GNU Taler ein Mittel, um selbstbestimmt online zu bezahlen. Und das ist beim digitalen Bezahlen vor allem eine Frage der informationellen Selbstbestimmung. Wir begreifen die Privatsphäre nicht als Hindernis, sondern als etwas Schützenswertes. Das Taler-System ermöglicht, in Echtzeit kostengünstig online zu bezahlen, während die Anonymität der Zahlenden wie beim Bargeld gewahrt bleibt. So möchten wir zur Zukunftssicherheit unserer Zahlungsinfrastruktur beitragen.

Was meinen Sie mit „Zukunftssicherheit“?

Das Bargeld ist die Basisinfrastruktur, die die EZB bereitstellt. Mit Bargeld kann man bislang aber nur im physischen Raum bezahlen – im Supermarkt oder am Kiosk zum Beispiel. Aber immer mehr Kaufvorgänge verschieben sich in den digitalen Raum. Genauso sollten wir die Qualitäten des Bargelds, wie Anonymität, in den digitalen Raum übertragen. Taler garantiert den Nutzer:innen technische Anonymität. Und wenn man auf die bisherigen Angebote am Markt schaut, dann steht das Taler-System mit dieser Eigenschaft ziemlich allein da.

GNU Taler, auf dem NGI Taler aufbaut, wurde schon als Grundlage für die Umsetzung einer digitalen Zentralbankwährung ins Spiel gebracht und auch die NGI Taler-Webseite thematisiert die Diskussionen um den Digitalen Euro. Das NGI-Taler-Projekt hat damit aber erstmal nichts zu tun, oder?

Genau. GNU Taler als Technologie kann auf verschiedene Weise verwendet werden: zur Umsetzung einer CBDC durch eine Zentralbank, zur Digitalisierung von Giralgeld oder als klassisches Zahlverfahren für den Privatsektor, wie wir das mit unserem Projekt vorhaben.

Wir haben grundsätzlich keine Aversion gegen den Digitalen Euro. Wir haben einen anderen Ansatz, aber GNU Taler und der Digitale Euro nehmen sich die Digitalisierung des Bargelds vor und sind deswegen eher als parallele Ansätze zu betrachten.

Ein Smartphone, auf dessen Display Münzen zu sehen sind - wie sieht die Zukunft des digitalen Bezahlens aus?
Wie sieht die Zukunft des digitalen Bezahlens aus? Bild: Erstellt mit Adobe Firefly.

Dennoch wird auf der Webseite das Taler-System als eine „privacy-respecting“ Alternative zu CBDCs in Spiel gebracht, die keiner „invasive practices“ bedürfe …

Die Schaffung anonymer Zahlungsmethoden im digitalen Raum halten wir für absolut notwendig. Wir schauen daher positiv auf alle Versuche, eine digitale Zentralbankwährung zu entwickeln, die diese Qualität des Bargelds online ermöglicht. Wenn wir uns aber die Zahlungsinfrastrukturen anschauen, die nach dem Bargeld gekommen sind, sehen wir einen beständigen Abbau der Privatsphäre. Es ist daher wichtig, dass die EZB ihre Aufgabe hinsichtlich dieser Basisstruktur erkennt und nicht den Status quo reproduziert, mit einer Art EZB-PayPal, das die Privatsphäre der Nutzer:innen ebenso exponiert wie Privatunternehmen. Das ist aber leider nicht die Entwicklung, die wir wahrnehmen. Die vorgestellten Konzepte für den Digitalen Euro gewährleisten keine technische Sicherung der Anonymität.

Weil wir diese Entwicklungen so wahrnehmen, ist NGI Taler nicht nur das Umsetzungsprojekt, um GNU Taler für alle verfügbar zu machen. Das Projekt soll auch die Diskussion um das digitale Bezahlen mitgestalten. Wir haben den Anspruch, eine der Stimmen zu sein, die die EZB daran erinnert, welche Eigenschaften des Bargelds beizubehalten sind.

Inwiefern wird die EZB dem nicht gerecht?

Das zeigt sich darin, dass die Anonymität zu einer Frage der politischen Ausgestaltung gemacht wird, statt sie durch das technische Design des Digitalen Euro zu garantieren. Wenn man auf andere Bereiche der Politik der EU-Kommission schaut, dann sehen wir, dass die Wahrung der Anonymität auch infrage gestellt wird, Stichwort: Chatkontrolle. Wenn es um das Zahlungssystem geht, das 400 Millionen Menschen nutzen sollen, sollte die Anonymität nicht nur von einer Absichtserklärung abhängen, sondern auch technisch garantiert sein. Das ist eine Frage der Resilienz der Zahlungsinfrastruktur. Das Taler-System würde Anonymität auch dann gewährleisten, wenn sich politische Strömungen durchsetzten, die die Anonymität der Zahlungen aufheben wollen.

Wenn Sie von „Resilienz“ sprechen, meinen Sie nicht die Möglichkeit einer Naturkatastrophe oder einen technischen Ausfall, sondern gewissermaßen eine politische Katastrophe?

Die technische Resilienz ist auch ein relevanter Faktor bei digitalen Formen des Bezahlens: Was ist, wenn der Strom ausfällt oder das Internet? Solche Überlegungen unterstreichen die Existenzberechtigung des Bargelds. Aber, insoweit es um die Sicherung der Anonymität geht, geht es einerseits um Persönlichkeitsrechte und mit Blick auf die aktuelle politische Entwicklung auch um einen Schutz vor autoritären Regierungen.

Auch so genannte Kryptowährungen werden auf der NGI Taler-Webseite genannt. Zu den Versprechen von blockchain-basierten Systemen wie Bitcoin gehört die Sicherung der Anonymität. Warum halten Sie diese Systeme nicht für zufriedenstellende Lösungen?

Da stellen sich verschiedene Probleme: Erstens gewährleisten Bitcoin und andere Kryptowährungen keine Anonymität, sondern allenfalls eine Pseudonymisierung. Wenn man die pseudonymisierten Transaktionen nur lange genug verfolgt, die ja alle öffentlich auf der Blockchain abgelegt sind, und die Zahlungsflüsse das Bitcoin-System wieder verlassen und in das klassische Geldsystem übergehen, dann findet dort wieder die Feststellung der Identität statt – und spätestens dann wird die Anonymität aufgehoben.

Zweitens streben wir als GLS Bank ökologische Nachhaltigkeit an. Kryptowährungen, zumindest die prominenten Beispiele, sind jedoch nicht ökologisch nachhaltig. Drittens stellen Kryptowährungen in Hinblick auf die Transaktionskosten und die Transaktionsraten, also die Geschwindigkeit von Zahlungen, keine guten Lösungen dar. Bitcoin eignet sich beispielsweise nur für größere Summen, da die Transaktionskosten für kleine Zahlungen viel zu hoch sind. Auch der so genannte hard cap, also die Festlegung, dass es nicht mehr als 21. Mio. Bitcoin geben darf, schränkt die Eignung von Bitcoin als Zahlungssystem erheblich ein, weil dem System die für den Zahlungsverkehr nötige Elastizität fehlt.

Ein weiteres Problem solcher Systeme besteht darin, dass wir im regulierten Finanzumfeld ganz konkrete Verantwortlichkeiten haben, die sich auf verteilte, also dezentrale Systeme nicht einfach übertragen und umverteilen lassen. Selbst wenn im regulierten Finanzbereich die Blockchain zur Anwendung kommt, fährt man häufig doppelspurig: Man hat eine Blockchain, aber man hat zugleich Systeme, mit denen man den regulatorischen Verantwortlichkeiten nachkommt.

NGI Taler soll vor allem im Micropayment-Bereich eine Rolle spielen. In einem anderen Interview haben Sie Verlagswesen, Presse und Gesundheitswesen genannt. Wie haben Sie diesen Bedarf festgestellt? Ist er an Sie herangetragen worden? Und warum sind gerade diese Bereiche interessant?

Der Bedarf ist uns aus der Community gemeldet worden, aus der sich das NGI Taler-Konsortium gebildet hat. Das Taler-System ist für Micropayments besonders geeignet, weil es in der Abwicklung sehr wirtschaftlich ist. Die technische Infrastruktur ist so anspruchslos, so schlank, dass wir Transaktionsraten, also eine Geschwindigkeit und Menge von Zahlungen, erreichen, die weit über dem liegen, was mit klassischen Systemen möglich ist. So können wir ganz neue Marktsegmente erschließen. Micropayments sind mit klassischen Zahlverfahren, aber auch mit PayPal nicht wirtschaftlich möglich, mit Kryptowährungen schon gar nicht. Wenn ich zum Beispiel eine App für 50 Cent verkaufen möchte, dann ist das wirtschaftlich kaum möglich, wenn ich Verfahren verwende, bei denen ich 10 Cent an Gebühren zahlen muss. Das verschlimmert sich, wenn eine Plattform zwischengeschaltet ist, die weitere Gebühren verlangt.

Wir glauben, dass wir mit dem Projekt die Finanzierungsmöglichkeiten von Künstler:innen, Kreativschaffenden, aber auch von Presseerzeugnissen und Journalist:innen erweitern können: Sie müssen ihre kreativen Erzeugnisse nicht mehr hinter einem Abo-Modell verstecken oder auf freie, dafür aber werbefinanzierte Modelle setzen, die dann wieder Probleme, wie Tracking, aufwerfen. Stattdessen können sie auf kleine Spenden setzen oder jeden Artikel direkt monetarisieren. Und das kommt auch den Konsument:innen zugute, denn die sind vielleicht auch daran interessiert, verschiedene Artikel von verschiedenen Zeitungen zu lesen. So möchten wir den Möglichkeitsraum in einer Weise erweitern, die nicht zu Lasten der Anbietenden geht, die sonst häufig allein die Gebühren schultern müssen.

Haben auch Privatkund:innen den Wunsch an Sie herangetragen, anonym digital bezahlen zu können?

Ja, dieser Bedarf wurde uns schon vor dem Start des Projekts gemeldet, schon 2019, als es noch um ganz andere Fragen ging. Schon damals haben wir zum Taler-Projekt Kontakt aufgenommen und uns angesehen, wie das System funktioniert. Den ersten Piloten haben wir 2021/22 getestet. Und wir sind da schon im Rahmen von quantitativen und qualitativen Interviews und mit Umfragen mit unseren Kund:innen in den Austausch gegangen. In diesen Umfragen hatte sich abgezeichnet, dass Privatsphäre und Anonymität gerade in unserer Kundschaft besonders hoch gewertet werden. Dass Privatsphäre und Anonymität den Menschen wichtig sind, haben auch die Umfragen der EZB bestätigt. Und das NGI Taler-Projekt erfährt immer noch sehr hohen Zuspruch.

Sie sagten in einem Interview in Bezug zur Gestaltung des Digitalen Euro, man sehe die Zivilgesellschaft nicht. Inwiefern ist das der Fall? Und wie kommt die Zivilgesellschaft in Ihrem Projekt ins Spiel?

Die EZB hat zwar Umfragen durchgeführt, aber man kann sich schon fragen, inwieweit solche Umfragen einen Austausch mit der Zivilgesellschaft darstellen. Auch die Workshops, die die Bundesbank ausgerichtet hat, hatten einen beschränkten Umfang.

Unser Projekt ist ganz anders angelegt. Die elf Mitglieder unseres Konsortiums sind sehr heterogen: Nur zwei Mitglieder sind Banken, neben der GLS Bank ist das die ungarische MagNet Bank. Unter den anderen Mitgliedern sind zwei Universitäten, verschiedene Unternehmen sowie Akteure aus der Zivilgesellschaft, auch aus dem netzpolitischen bzw. netzaktivistischen Bereich. Zum Beispiel Homo Digitales aus Griechenland, die Mitglied im Netzwerk European Digital Rights sind, oder die E-Seniors Association. Diese Stimmen fließen bei NGI Taler nicht erst nachträglich ein, sondern haben das Projekt und seine Strategie von Anfang an mitgestaltet.

Wie hat sich dieses heterogene Konsortium zusammengefunden? Gab es schon vor dem NGI Taler-Projekt Verbindungen?

Das waren tatsächlich Verbindungen, die bereits zuvor bestanden haben, und die für das Projekt aktiviert oder reaktiviert wurden. Dazu kam Taler Systems, das Schweizer Unternehmen, das das GNU Taler-System maßgeblich entwickelt. Mit Code Blau aus Berlin haben wir zuvor schon zusammengearbeitet. Auch mit der Berner Fachhochschule hatten wir schon Verbindungen und unsere Beziehungen zu den Akteur:innen aus der Finanzindustrie oder dem Bankenwesen haben wir als GLS Bank eingebracht. Das Konsortium hat sich also sehr organisch aus bestehenden Netzwerken zusammengesetzt.

NGI steht für Next Generation Internet – was ist das für ein Projekt und wie fügt sich das Taler-Bezahlsystem da ein?

Next Generation Internet ist eine Initiative der Europäischen Union im Rahmen des Horizon Europe-Projekts. Ziel der Initiative ist es, die Entwicklung eines menschenzentrierten Internets basierend auf Open-Source-Software voranzutreiben. Und was sowohl die EU als auch wir glauben – und was in der Förderung unseres Projekts zum Ausdruck kommt: faire Möglichkeiten des Bezahlens, die die Privatsphäre der Menschen schützen, müssen Teil dieses Internets der nächsten Generation sein.

Schlagworte, die im Zusammenhang mit dem NGI-Projekt immer wieder fallen, sind, „menschenzentriert“ und „demokratisch“. Was meint „menschenzentriert“ und inwiefern kommen Demokratiefragen ins Spiel?

Open Source oder freie Software wie Taler hat meines Erachtens etwas mit Demokratie zu tun, insofern als solche Eigentumsmodelle es ermöglichen, die Software anzuschauen, die unser tägliches Leben antreibt und am Laufen hält – vielleicht nicht Einzelpersonen, aber der Zivilgesellschaft. Es können Audits durchgeführt werden, die Software kann verändert und an bestimmte Bedürfnisse angepasst werden und sie kann vervielfältigt und breit zugänglich gemacht werden. Im Kontrast zu proprietären Anwendungen, also Software, die sich im Eigentum bestimmter Unternehmen befindet, ergibt sich daraus ein demokratisches Momentum.

Und was ist mit „menschenzentriert“ gemeint?

Es geht uns darum, zu fragen: Was sind die Bedürfnisse der Menschen? Und im Bereich des Bezahlens sehen wir das Bedürfnis, nicht als getracktes Individuum behandelt zu werden, das über gezielte Werbung gut monetarisiert werden kann. Ich möchte online bezahlen können, ohne dafür meine Privatsphäre offenlegen zu müssen. Menschenzentriert ist NGI Taler dann in dem Sinne, dass das die gestaltenden Merkmale der Anwendung sind.

Wann soll es Ihren Kund:innen möglich sein, das Taler-System für Zahlungen zu nutzen?

Das Projekt ist auf 36 Monate angelegt und das Ziel ist, Taler business ready zu bekommen, sodass das Verfahren im regulierten Finanzumfeld eingesetzt werden kann. Das ist die Aufgabe des ersten Jahres. Sobald wir dieses Ziel erreicht haben, wollen wir Taler in einem öffentlichen Piloten testen. Und Mitte 2025 möchten wir eine größere Öffentlichkeit ansprechen und Taler in die Hände europäischer Nutzer:innen geben.

Herr Wittmann, vielen Dank für das Gespräch!

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1.6. Der digitale Euro und der schwierige Auftrag einer europäischen Zahlungsinfrastruktur

Das Cover von Folge 1.6

Haben Sie beim digitalen Zahlen schon mal einen Gedanken an die  zugrundeliegende Infrastruktur- also das Back-End dieser Zahlungen – verschwendet? Die Details dieser komplexen privaten „Verkehrswege“ sind jenen, die sich in der beruflichen Praxis nicht damit befassen, selten ein Begriff. Nun bahnt sich der digitale Euro allerdings, so sieht es aus, ganz neue Wege. Spätestens jetzt lohnt es sich, da mal genauer hinzusehen.

Solange die Zahlungssysteme verlässlich operieren und sie als Kostenpunkt nicht ins Gewicht fallen, sind sie für die Bürgerinnen und Bürger und ihren alltäglichen Umgang mit Geld nebensächlich. Oft merkt erst, wer Überweisungen ins nichteuropäische Ausland tätigen muss, mit einer gewissen Wucht, dass Zahlungen ein Geschäft sind – und die kostengünstige Zugänglichkeit der Infrastrukturen, auf denen sie abgewickelt werden, keine Selbstverständlichkeit ist. Daher wirft das Digitalgelddickicht in dieser Folge einen genaueren Blick auf dieses Hintergrundgeschehen digitalen Bezahlens.

Für den digitalen Euro soll die erforderliche Infrastruktur von Grund auf neu gebaut werden: Was für Arbeit bedeutet das für die EZB? Wie sollen sich Geschäftsbanken, die diese Zahlungen ja werden abwickeln müssen, darauf vorbereiten? Wenn der digitale Euro in ein ohnehin schon kompetitives Geschäftsfeld vordringt, was für Herausforderungen und Chancen sind für Banken und Bürgerinnen und Bürger damit verbunden? Und werden die Fortschritte, die die European Payments Initiative dabei macht, eine private europäische Bezahllösung anzubieten, zum Gamechanger?

Staffel Digitaler Euro – Folge 6 | 12. Februar 2024

Gäste

Manuel Klein ist Product Manager Blockchain Solutions & Digital Currencies in der Unternehmensbank der Deutschen Bank. In dieser Eigenschaft analysiert er auch die Auswirkungen digitaler Zentralbankwährungen auf die Bank.

Dr. Andreas Bley ist Chefvolkswirt des Bundesverbandes der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR).

Prof. Dr. Barbara Brandl ist Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Organisation und Wirtschaft an der Goethe-Universität Frankfurt. Sie ist Mitglied der ZEVEDI-Projektgruppe Tokenisierung und Finanzmarkt.

Marek Jessen ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im ZEVEDI-Projekt Geld als Datenträger sowie Research Fellow am Weizenbaum Institut.

Weiterführende Informationen und Quellen

Maurer, Bill: How Would You Like to Pay? How Technology Is Changing the Future of Money, Duke University Press: Durham und London, 2015.

Bechtel, Alexander und Klein, Manuel: Der digitale Euro ist mehr als nur Geld, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Oktober 2023.

Europäische Zentralbank: A stocktake on the Digital Euro. Summary report on the investigation phase and outlook on the next phase, 18. Oktober 2023.

Europäische Zentralbank: Call for Applications: Digital Euro – Risk and Fraud Management, 3. Januar 2024.

Panetta, Fabio: Letter to several MEPs on the request to postpone the decision on the digital euro, 6. Oktober 2023.

Panetta, Fabio: Letter to Irene Tinagli, ECON Chair, on ECB Governing Council’s decision to proceed to preparation phase of the digital euro project, 18. Oktober 2023.

Bitcoin, Fiat & Rock’n Roll, Folge 254 / Manuel Klein : Blockchain-Token, UTXOs und Accounts – was ist das eigentlich?, 11. September 2023.

Vorschlag der Europäischen Kommission für eine Verordnung des europäischen Parlaments und des Rates zur Einführung des digitalen Euro, 28. Juni 2023.

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